Solche Leute

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Die L. bewohnt ein elegantes Haus direkt am See.
Mal sehen, wie lange noch.

Seit sie erwachsen ist, pflegt sie abgeschabte Anwesen zu erwerben, vom Keller bis zum Dachboden aufwendig zu renovieren, ein paar Jahre mit Mann und Kindern darin zu wohnen und sie dann unsentimental mit mittlerem Verlust wieder zu veräußern. Das kann sie, denn sie hat ein Viertel (oder war es ein Achtel?) einer Maschinenfabrik geerbt. Oder halt den Erlös derselben*.

Natürlich gab es auch schon früher Erberei in der Familie, so sollten ihre Mutter und deren Schwester vor längster Zeit den jeweiligen Anteil ausgezahlt bekommen. Zur Testamentseröffnung reiste die Tante aus Norddeutschland heran und teilte direkt mit, dass sie den gesamten Nachlass für sich beanspruche. Auf erstauntes Nachfragen begründete sie ihr Ansinnen damit, sie habe ihren Erbteil bereits ausgegeben. Dieser, zugegebenermaßen bestechenden Argumentation wollte die Mutter der L. nicht folgen, was dazu führte, dass die angereiste Tante drohte, nie mehr einen Fuss in ihre Heimatstadt zu setzen und von nun an kein Wort mehr mit ihrer einzigen Schwester zu sprechen. So ist es bis zum heutigen Tag geblieben, auch die L. spricht ausser mit ihrem einzigen Bruder und ihren Eltern mit niemandem in der Familie (sie hatte ihr persönliches Zerwürfnis mit Cousins und Cousinen, als es galt sich zu einigen, wer das familieneigene Seegrundstück mit Badehaus und wer die Skihütte in den Alpen bekommen sollte).

Es scheint mir ein Glück zu sein, dass das Klump nun weg ist, und ein jeder die Moneten hat, die er auch haben soll. Versöhnung ist trotzdem nicht in Sicht (wäre der F. noch da, würde ich zu ihm sagen, schau, so ist das in Deinen sogenannten guten Familien. Und dann würden wir uns in die Haare geraten).

Gestern lauschte ich bei Dauerniesel und dem Dröhnen der nachbarlichen Laubsauger den Erzählungen der L. Das Haus musste sie übrigens ihrem Grossonkel abkaufen, mit der sie, ja was wohl? Dynasty am Bodensee. Sehr unterhaltsam.

* Vor ein paar Jahren wurde der ganze Krempel verkauft. Bis dahin habe ich immer ein Tränchen der Rührung weggedrückt, wenn ich irgendwo auf der Welt einen Traktor mit der vertrauten tollen Wortmarke gesehen habe. Nach dem Verkauf wurde diese dann sofort geändert, aber wie wir wissen, nicht alles, was alt ist ist schlecht und nicht alles was neu ist ist gut, so auch in diesem Fall.

2 Gedanken zu „Solche Leute

  1. kaltmamsell

    Ich bin mittlerweile überzeugt, dass jede Erbsituation zu einem charakterverzerrenden Stoffwechselwechsel führt. Im allerallerseltensten Fall verwandeln sich liebende Geschwister nicht in hirnlos gierige Feinde.
    Mein Bruder und ich animieren unsere Eltern bei jeder Gelegenheit, ihr Hab und Gut zu Lebzeiten zu verfeiern, verfressen, verurlauben.

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  2. montez

    Das ist ein sehr guter Ratschlag. Sollen die nach Kräften tun, so lange sie daran Spass haben (wird dann leider meist irgendwann weniger). Und schön, dass Sie schon dabei einig sind!

    Obwohl Einzelkind, zwinge ich die greise Mutter in teure Hotels mit Warmwasserbecken, damit sie noch ordentlich Erspartes verbraucht. Und dabei und hinterher freut sie sich dann doch.

    Ja, das Erben und seine Folgen: ein Bilderbuch menschlicher Abgründe. Und die absolut volksgruppenübergreifend. Gier scheint hier das Stichwort.

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