Kategorie-Archiv: Zauberberg

Fast wie ein Zauberberg #05

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In der Sauna. Auf einmal konnte sie nicht aufstehen. Kribbeln und Stechen überall am Körper, dann alles taub. So ein schönes junges Mädchen. Gerade Abitur. Bald sammlen sich diese Geschichten, in die Geschlossene, Sie simulieren doch, da ist nix an Ihren Bandscheiben, die Rosafarbene weint, laufen konnte sie da schon Monate nicht mehr. Von einem Augenarzt zum anderen, alles doppelt, dann fast nichts mehr sehen, keine Ahnung was der Grund ist. Leidenswege. Da bin ich mit meinem kurzen Hörsturz- und Tumorumweg eine Ausnahme. Vergleichsweise rasante Diagnose. Und nur ein, zwei Arschlochärzte.

Die Männer sprechen nicht über die Krankheit. Oder nur in Gruppentherapie, das weiss ich nicht, ich bin doch nicht verrückt, sag ich zur serbischen Neurologin, und quatsche mit Wildfremden über meine Sorgen. Sicherheitshalber starre ich sie böse an dabei. Natürlich. Natürlich nicht. Die, die sich nicht wehren können, haben hier verloren, ich finde die Rosafarbene schluchzend im Treppenhaus, zur Gruppentherapie, sie will nicht, sie muss, das hat der Arzt gesagt. Sie kann nicht, sie weint, dieses Problem können wir lösen, die anderen nicht. Seit der Diagnose sei er nicht geschwommen sagt der Trompeter, nicht, dass er es nicht mehr könne, er traue sich nicht mehr. Nicht fahrraradfahren, nicht spazieren, nicht lieben, lachen, leben, lieber frühverrentet, ob ich auch so einen Ausweis hätte, die Steuer und so weiter. Mich macht das fassungslos, ich rase weiter um die Seen, wate jeden Morgen rein, mittags bei 35 Grad liege ich auf meinem Bett und lausche den Taubheiten in meinen Händen. Und dem Hinken im linken Bein. Und abends bin ich am Bootshaus bis die Sonne untergeht, leider nicht über dem See. Aber hinter mir, immerhin.

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Einmal bin ich eingeladen, ein Bekannter aus Berlin, er stammt von hier, die ganze Familie musikalisch, ein Konzert vom Kirchenchor. Schöner Gesang und schöne Kirche. Danach ein Grillen vor dem Pfarrhaus, Scheiss Wessis findet einer, ich kaue auf den Lippen, auf der Bockwurst, bis mir der Kragen platzt, wie oft ich diese Leier jetzt gehört hab, ich kann nix dafür, fauch ich, und meine Freunde auch nicht. Und dass es mir leid tut. Wegen Betrug und Abwicklung, wegen der Geier und der Zocker. Aber das war ich nicht. Oder seid Ihr etwa alle Nazis? Der Bariton verschluckt sich, würgt bleich an seinem Schnitzel, zu guter Letzt bekommen wir die Kurve und trinken Brüderschaft mit kaltem Lübzer. Auf einmal hagelt es, Dinger wie Kanonenkugeln, es ist vorbei, als alles drinnen ist, wir wieder raus, ans Feuer und trinken auf den Mauerfall. Ist ja nicht alles schlecht. Kraniche fliegen über unsre Köpfe. Irgendwo bellt ein Hund. Einer fährt mich dann nach hause in die Anstalt. Morgens: Wasserballett. Ich bin die jüngste.

Die anderen Folgen gibt es hier.

Fast wie ein Zauberberg #04

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Fußball. WM. Ich hatte schon am Telefon begonnen, bisschen beleidigt zu sein, weil ja, Fußballschauen, gibt’s denn da TV? Der F. interessiert sich nicht für Fußball, ist es aber international und Großereignis, betreibt er auch das wie alles andere: Akribisch, gründlich, kompromisslos. Dass es im Gutshaus Ludorf Fernsehen gibt, im Wohnzimmer, und ein Slowfoodrestaurant, kann ihn vorerst besänftigen. Da soll es hingehen.

Ich geh spazieren, der F. starrt mit anderen Partnern auf den Ball, aber inzwischen bin ich voll heiterer Gelassenheit, sicher vom Qigong. Schön hier. Wir treffen uns nach dem Spiel am Strand, die Badestelle ist nix, wir laufen los durch einen kleinen Wald. Über eine Wiese, eine Riesenwiese, die Sonne knallt, die Wiese will nicht enden, die Mücken schwärmen, der F. nörgelt und meckert ohne Unterlass, während wir uns unseren Weg durchs Wiesendickicht bahnen. Ich lächle. Die perfekte Badestelle. Weit draußen ein Mann, das Wasser bis zum Bauch. Also raus aus den Klamotten, rein ins kühle Nass (hab ich das jetz echt geschrieben? Juhu!) und der F. gerät außer sich. Es riecht modrig. Es ist mehr als seicht. Man watet und der Schlamm geht einem bis zum Knie, gefühlte Watte. Das Wasser bis zum Bauch, stimmt, weiß ich doch, ein Pfützchen, diese Müritz. Er schimpft und motzt und flucht, ich lächle, gar nicht schlecht so eine Kur.

Also alles rückwärts, rein ins Auto und von einem See zum anderen, die Stimmung oszilierend, und dann finden wir einen schönen klaren kühlen, der F. wird friedlich und ich lächle. Wir machen Späßchen, Liebe und abends gibt es kalte Suppe, Müritzfische und Sommerfrüchte mit Sorbet, ist alles wunderbar.

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Dann ist er wieder weg. Ich steige auf den Kirchturm, so eine schöne Kirche, nicht restauriert, ich fahre mit dem Bus wo anders hin, umrunde neue Seen. Klettere in Ruinen. Gehe ins Konzert und zeitig schlafen. Es kommt noch mehr Besuch aus B. Baden, essen, Boot fahren. Von allem weg sein. Die Zeit vergeht, ich spreche kaum noch. Stehe früh auf und stecke Hölzlein in kleine Löchlein unter Zeitdruck, werde kein bisschen besser. Frau K. riecht nicht mehr nach Rauch, ich rauche manchmal abends, heimlich mit der Psychologin, am Steg, und zweimal kaufe ich eine Flasche Bier, die ich beim Rauchen trinke. Merkwürdig, dass es in der Anstalt Alkohol zu kaufen gibt. Überhaupt, alles merkwürdig hier, eine fremde Welt, die ich neugierig betrachte, und die mich neugierig betrachtet wie ein unbekanntes Tier. Mache klaglos alles mit, bis vier, dann hab ich frei und laufe schnell davon.

Auf den Wegen zwischen Hüpfkurs und Ergo rate ich Kunst, die Flure sind gestaltet mit gedruckter Klassischer Moderne in roten Rahmen, alle blaue Phase, da Magenta und Gelb komplett verschwunden sind. Bald kann ich sie auswendig, gute Orientierungshilfe, zum Schwimmbad beim Otto Müller links. Den Chagall in meinem Zimmer (blau in blau) hab ich direkt am ersten Tag in den Kleiderschrank gestellt, sowieso alles ein bisschen hin und her geschoben und immer frische Wiesenblumen auf dem Tisch. Einmal höre ich die Zimmermädchen, wie sie sich freuen, dass man so eine Kammer auch gemütlich kriegt. Ich will nicht mehr zurück nach B. Einfach in meiner Klause bleiben. Tisch, Stuhl, Bett, Fenster. Ernähren kann ich mich von Seetang, gibt es sogar zu kaufen, im Dorf, im Fischgeschäft.

Die anderen Folgen gibt es hier.

Fast wie ein Zauberberg #03

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In wilder Hast, um Krankheit und Siechtum zu entrinnen, umrunde ich ein um den anderen See, halte selten inne, die Aussicht zu geniessen, immer weiter. Bald habe ich Blasen, gross wie Wagenräder und kann am (ohnehin würdelosen) Nordic Walking Kurs nicht teilnehmen. In meinem Abschlussbrief wird stehen: Die Patientin konnte Gleichgewicht und Körperkoordination beim Nordic Walking deutlich verbessern. Für ersteres steige ich täglich auf ein Brett und versuche durch Bauchtanz auf einem Bildschirm einen Punkt in ein Quadrat zu manövrieren, das Runde muss ins Eckige, man kennt das ja. Ich weiss inzwischen, nichts wird sich dadurch verbessern, ausser dass ich auf einem Brett einen Punkt usw., wozu es im echten Leben eher selten kommt. Die Angst vor südenglischen Steilküstenpfaden wird jedenfalls nicht weniger. Statt zur Seviettentechnik gehe ich zur Tongruppe und statt der erwünschten Obstschalen mit Blattabdruck forme ich traurige Gestalten mit hängenden Köpfen. Frau R. ist sehr autoritär und nimmt den Leuten die Tonwürste aus der Hand, so macht man das, mir nicht, das haben wir gleich beim ersten Mal geklärt. Der IQ-Test behauptet, blöder sei ich nicht geworden, ich bleibe skeptisch. Frau S., die grossartige Psychologin, ist krank. Ich gehe also zu Frau H. und wir stellen beide fest, dass wir nicht zusammenpassen.

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An der Hubbrücke gibt es ein zauberhaftes Restaurant mit Steg und Liegestühlen, Maräne und badischen Grauburgunder, ich lerne die G. kennen, auch Psychologin, aus Berlin, Stuttgarter Platz, juchei, das ganze Hirn voller Läsionen, wie ein Streuselkuchen hat der Radiologe zum letzten MRT gesagt. Da sitzen wir, uns zugetan, die Sonne geht pastellig unter, sie raucht Kette und ich trinke ein Glas Wein oder auch zwei. Einmal müssen wir abends einbrechen.

Ihre Leberwerte sind viel zu hoch der Internist scheint ernsthaft besorgt um mich und ich denke schweissgebadet an die ausschweifenden Abende mit dem F., die immer im Fiasko enden. Mmh, ja ich trink schon Alkohol murmle ich meinen meinen Bart Eine Flasche Schnaps am Tag? so seien sie nämlich, dann kommt das wohl doch vermutlich vielleicht von dieser Medizin. Uff. Trotzdem kein Wein mehr ab sofort (nur noch Fassbrause). Bei der nächsten Überprüfung sind sie noch ein bisschen schlechter. Ist das jetz gut?

Diese Hitze. Bald haben nur noch die Stare Schwung, auf den Kirschbäumen vor meinem Fenster. Ratzfatz und leer, gefällt mir gut. Ich muss zum Wasserballett, zur Stressbewältigung, zur Ballgymnastik. Dann kommt der F. zum Wochenendbesuch, er parkt ziemlich weit entfernt und will lieber nicht mit reinkommen. Ich laufe zu ihm hin und freu‘ mich.

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Fast wie ein Zauberberg #02

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Bogenschiessen nur bei Querschnittslähmung. Aber ich bin ja hier wegen Frau S. der Psychologin. Und Frau K., der Ergotherapeutin, die nach kaltem Rauch riecht. Es ist heiss, ungefähr 30 Grad. Auf der Speisekarte stehen Schweinshaxe mit Sauerkraut. Eisbein mit Erbspüree und Gänsebraten. Essen gibt es schon um fünf, damit man beim Küchenpersonal nur eine Schicht braucht. Auf alberne Details wie schwüles Sommerwetter kann man bei der langfristig geplanten Nahrungslieferung aus NRW keinerlei Rücksicht nehmen. Sollen die halt nix essen, wenn es ihnen nicht gefällt. Mein Freund, der Tumor, reist zurück nach hause, wird abgeholt von seinem beiden kleinen Söhnen, Piepels nennt er die (wieder ein weisst du noch?), wir herzen uns und lachen und ich höre ihn scherzen, bis sich die die Glastür schleifend schliesst. Er winkt noch mal zum allerletzten Abschied, mit rechts, na klar.

An meinem Tisch sitzt jetzt Schlaganfall Eberhardt. Immer bin ich besorgt, ob der alte Herr genügend trinkt. Das tut er nicht, natürlich nicht, denn der Wasserspender steht in der Mitte des grossen Saals, es gibt keine Kannen, man kann immer nur ein Gläschen holen, der Weg ist weit, und das mit dem Laufen klappt noch nicht so gut. Das mit dem Sprechen auch nicht, aber mit der Zeit verstehe ich ihn besser. Er war ein Tischler, dann arbeitslos, kommt hier aus dem Ort und ich kann ihn gut leiden. Bis zum Kormoranabend. Jaja, die Kormorane, sage ich, das kenne ich von zuhause, die sind ja unersättlich. Wie die Ausländer nuschelt der Eberhardt, sollte man alle abschiessen. Ich denke kurz, ich habe mich verhört. Habe ich nicht. Was soll ich hier streiten, mit einem störrischen alten Mann. Der kommt aus einem Städtchen mit EINEM Dönerladen. Sonst weit und breit nix Fremdes.

Auch meine anderen Bekanntschaften erinnern mich daran, wie gerne ich alleine bin. Da gibt es die zwei feschen Bikinimädchen, die vor lauter Baucheinziehen nicht grüßen können. Den Systemadministator der seine MS-Spritze immer nur freitags bekommt, damit die auf Arbeit bloss nichts mitbekommen. Die herzensgute S., Herzinfarkt und Schlaganfall, knapp 40, böses Erbe, deren Sohn bei der Marine ist, so eine flotte Uniform, der Junge.

Ich geh nur ein einziges Mal zur grossen Badestelle, da muss schnell was anderes her. Es gibt hier mengenweise Bootsgaragen, jeden winzigen Weg vom Ufer probiere ich, meist kommt ein Zaun. Ein Tor. Ein Schloss. Nach langem Suchen finde ich eine, schön grün mit kleinem Steg, hinter dem Wald, im Schilf. Irgendetwas aufgeregtes Schwalbenhaftes saust um meinen Kopf, während ich mich dort versteckt (immer in Alarmbereitschaft) durch meinen Krimi fräse. Bei unverstelltem Seeblick. Einmal werde ich doch erwischt. Na klar darf ich hier bleiben sagt der Besitzer, und dann saust der, mit Riesenkrach davon. In seinem Motorboot. Die Schwalben brauchen Stunden, um sich davon zu erholen, ich auch.

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Fast wie ein Zauberberg #01

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Was willst Du denn da fragt der F. Du bist doch gar nicht krank. Das letzte Mal, ja gut, da schon. Ich sag nix. Denke nur. An Männerschnupfen, an mit dem Hammer auf den Daumen hauen und sowas. Packe weiter. Ob er mich dort hinfährt weiss er noch nicht, ist ja schon sehr mühsam usw. Das erste Mal war ich da bald nach der Diagnose, in einem goldenen Oktober, mit dem Zug, der nicht mal in die Nähe fuhr. Ist ja schliesslich Deutsche Bahn, da muss gespart werden. Rings um die Seen verlassene Bahnhöfe aus Klinker, ohne Scheiben, schwarz bemalt mit schlichten Sinnsprüchen. Statt Zügen gibt es Busse, aber viele sind es nicht, hier wohnt eh keiner mehr. Verspätung. Es regnet dünn in Mecklenburg. Der nächste Bus kommt in zwei Stunden. Ich sitze mit den Kleidern für vier Wochen (die Chronischen bekommen kinderleicht vier Wochen) unter dem zerschlagenen Glasdach und heule, sieht ja keiner.

Und friere. Irgendwo muss es auch hier menschliches Leben geben, tatsächlich. Die Alte Schmiede leuchtet bierreklamenhaft gemütlich in die frühe Dämmerung. Drinnen ich Apfelschorle, und an grosser Tafel eine Sippe, die sich alle Mühe gibt, sämtliche Voruteile in Sekunden zu belegen. Die Alten mit Frisur und Meinung, die Mittleren geschmückt mit martialischen Bildern (auf Haut und Wams), der Kleene in Fraktur und ohne Haare, auch bemalt, und die Kameradin voller Silber im Gesicht, alle einig, friedlich vertieft in ein lautstarkes Gespräch über Neger und Zigeuner. Und was die so verdient haben. Ich fühle das Elend der ganzen Welt und mein eigenes vertausendfacht in dieser traurigen Kaschemme. Warm wird mir nicht. Die Zeit vegeht dennoch und ich schleppe mich und mein Gepäck zurück zur Bushäuschenruine. Und der kommt.

Also, er fährt mich dann dieses Mal, ich weiss ja, dass er immer braucht, sich an solche Gedanken zu gewöhnen, so Expeditionen ins gefährliche Ungewisse mag er gar nicht. Es gibt fast keinen Streit im Auto. Nur nochmal kurz, was ich da will, zur Ruhe kommen sag ich.

Dort ist alles wie gehabt, die Bandscheiben schauen ganz fröhlich aus der Wäsche, die Gehirntumore haben gar keine Haare oder so runde ausrasierte Stellen, wo man durch milimeternachgewachsenen Flaum die Narbe sieht. Die Schlaganfälle sehen grau aus. Und die MSler ziehen gern ein Bein nach oder beide. Ich geh zum See. Es ist Sommer. Ich kenne mich aus. Eigentlich wollte ich ja für Psycho. Zahlt die Kasse aber nicht, da geht nur Neuro. Na gut, Hauptsache wohin.

Auch beim Essen kenne ich mich aus, kann man eigentlich nicht essen. Bisschen von Vegetarisch. Neben mir sitzt Tom, der war Texter in einer tollen Agentur in B. Durchschnittlich noch ein Jahr, mit dieser Art von Tumor. Sein linker Arm ist lahm, hat was abbekommen bei der OP. Einmal stupst er mich versehentlich damit und es dauert einen Moment, bis ich was sage, wir lachen uns halbtot, wir, die Neuros, da braucht das halt alles etwas, er ist ein grosser Kasper und berlinert wundervoll (genau wie der Kommunist, da gibt es grosse Unterschiede). Immer öfter kommt er nicht zum Essen, schliesst sich in sein Zimmer ein. Er wohnt direkt neben mir und ich bilde mir dann ein, dass ich ihn weinen höre.

Die anderen Folgen gibt es hier.

Warum das hier steht: Heute morgen ist mir ein Sack Reis die volle Mistkarre umgefallen. Und ich dachte an die Rehaneurologenfrage, ob die Kraft weniger geworden sei. Die ich beherzt mit nein beantwortete. Hätte aber ja heissen müssen. Hier kann ich’s ja sagen.