Passiert

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Am Freitag ist es soweit. Es bricht mir das Herz. Wie immer hatte ich es unmäßig an etwas, an jemanden gehängt, gar nix mit abgeklärter ehrenamtlicher Hilfestellung und so.

Umzug nach Düsseldorf. M. hat angeblich Arbeit gefunden und eine Wohnung. Ich habe heute die neue Adresse heute gegugelt, sie ist in der Nähe des Bahnhofs an einer vierspurigen Straße, kein Baum weit und breit. Ich bin so wütend und unglücklich, dass ich Esra in ihrem viel größeren Unglück alleingelassen habe. ich konnte nicht da hin. Andere Leute haben den Strom abgemeldet, das Internet und so weiter. Heute habe ich mir endlich ein Herz gefasst und bin hingefahren, wir haben bisschen geheult zusammen und sie hat gesagt, es sei für sie fast so schlimm wie aus Syrien weg zu gehen. Das hat natürlich alles nur noch oller gemacht.

Ich kann M. nicht in die Augen schauen. Ich muss mich zusammenreißen, ihn nicht zu ohrfeigen, bin ich doch sicher, dass er Unglück über seine Familie bringt. Aber vielleicht ja auch nicht. Vielleicht wird alles gut. Gerät der pubertierende Sohn nicht auf Abwege, vielleicht leben sich die beiden Mädchen, die die Tiere so lieben und den Wald, rasch ein an der vierspurigen Straße am Hauptbahnhof von Düsseldorf. Kann ja sein. Ach Scheisse.

Ich säh Blumen.

Lange Nächte

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Anlässlich des sich heute ermüdend jährenden Ereignisses hat mir die großartige Ulli Lust ein Porträt geschickt, welches sie vor über tausend Jahren von mir anfertigte. Wie man sieht, war ich mal ein übernächtigter Nerd. Mit Rollkragen.

Ich freu‘ mich sehr!

Jaja

Ich könnte mich jetzt damit rausreden, dass man sich hier Postkarten gewünscht hat. Ich kann dabei einfach zugeben, dass ich mich mal wieder Ihrer Zuneigung versichern wichtig machen wollte.

Ich war verreist. In der Schweiz. Wie man schlecht sieht. Und habe …
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… einen kleinen Spaziergang in die eigene Vergangenheit gemacht.

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… das Cabaret Voltaire, den „… Geburtsort des Dadaismus … “ betrachtet.

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… kurz in die Kronenhalle gelinst. Ach, wenn ich einmal reich wär‘ …

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Bei solchen Käseabteilungen kann das KdW noch so schön einpacken.

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… abends in Frau Gerolds Garten ordentlich Käsefondue eingepfiffen.
So sieht also die Zürcher Subkultur heute aus.

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Und so ganz früher.

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Schön war’s. Und schön sauber.

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Lieber Baummann,

da ich Dich telefonisch leider nicht erreichen kann, ich habe es unzählige Male auf beiden Nummern versucht, also schriftlich: Ich bin immer noch absolut geschockt über das, was am Dienstag passiert ist: Ihr habt die Kastanie abgesägt.

Vor ungefähr 20 Jahren hat meine Mutter diese Kastanie aus einer Nuss gezogen und sie war ihr Ein und Alles. Diese ganzen Stutzaktion war unter anderem dafür da, dass diese Baum wieder etwas mehr Luft hat. Ich glaube wir beide hatten sogar darüber geredet. Jedenfalls war das der Baum, dem auf keinen Fall etwas hat etwas hätte zustoßen dürfen.

Links und rechts von der Kastanie stehen ein paar kranke Eschen, die habt Ihr nicht angerührt, genauso wenig wie die überall angesähten Bergahorne.

Mir ist nach wie vor völlig rätselhaft, was passiert ist. Wir hatten doch ganz deutlich besprochen, dass an den Bäumen nichts gemacht wird. Und falls etwas notwendig gewesen wäre, hätte man das auf jeden Fall mit mir klären müssen.

Jedenfalls sind hier viele Tränen geflossen, wie Du Dir ja vorstellen kannst. Es ist nun geschehen und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Ich weiß auch nicht genau, was wir jetzt tun sollen.

Ratlos, Montez

Nix

Alle, auch ich, haben es ja gemerkt, hier passiert erst mal nix mehr. Es gibt keine schlechten oder guten Nachrichten, ich hab grad einfach keine Lust. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, die hat mir viel bedeutet.

M.

q&a

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Frau Casino hat gefragt, ich antworte.

1. mit wem sprechen sie täglich als erstes?

Natürlich mit dem Trotzki, der morgens ungefähr eine Stunde versucht, mich aus dem Bett zu kriegen. Da macht mir oft nichts aus, manchmal beginnt der Tag auch damit, dass ich ihn anbrülle. Was wenig nützt. Und ich dann sehr wach bin.
Der erste Mensch ist die Greisin, zu der ich meist etwas Albernes sage. Und dass sie noch liegen bleiben soll.

2. wann waren sie zuletzt verliebt?

Ich bin verliebt. Glaube ich. Ein seltsames Verliebtsein, mit recht wenig Aufregung (aber schon). Aus der Ferne. Vermutlich ein einseitiges. Mal sehen. Es ist kompliziert.

3. welches buch begleitet sie schon länger als 10 jahre?

Keins.

4. haben sie ein geheimes projekt? (ja/nein reicht)

Ja. Zwei.

5. lesen sie gedichte? wenn ja welche, wenn nein, warum nicht?

Ja. Sehr gerne. Und viel zu selten. Grad liegen meine 50 cm Lyrik in einem Umzugskarton in der Garage, was ihr sicher kaum gefällt. Ich hab keine Ahnung von Lyrik, ein Verflossener hat mich immer aufgezogen mit meiner Schwäche für Sarah Knirsch, wie er sie nannte. Gernhardt, Kunze, Skácel, Mascha Kaléko und klassische. Ist das Lyrik oder sind’s wohlmöglich nur Gedichte? Schiller, Morgenstern, oft einzelne, nicht so sehr das Gesamtwerk. Hebbel, Busch, Ringelnatz. Wie gesagt, zutiefst ahnungslos, aber mit Freude.

6. worüber haben sie zuletzt gelacht?

Meistens muss ich tatsächlich mit Esra lachen, wenn sie was Komisches auf Deutsch sagt, selber so lachen muss und die Augen verdreht. Oder mit dem Patentkind.

7. wofür haben Sie sich zuletzt ausgiebig zeit genommen?

Das kann ich nicht gut. Eigentlich bin ich immer unruhig und hektisch. Aber Mad Men schauen geht. Auch vier Folgen hintereinander. Ich fänd’s ja besser, mir für was anderes Zeit zu nehmen. Zu vermögen.

8. haben sie sich schonmal grundlegend geändert?

Vermutlich. War ich als Teenager ganz anders. War aber keine Absicht. Und ist nicht nur zum Guten.

9. sind sie glücklich?
 
Ja. Meistens.

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Er

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Ist immer das Gleiche. Ich will über etwas Wichtiges schreiben, und vor lauter Ehrfurcht vor der Wichtigkeit blockiert alles.

In diesem Fall voll ok, denn es scheint ein Sturm im Wasserglas gewesen zu sein.

M. hatte einen syrischen Freund in F. besucht. Wieder zu hause, befahl er seiner Familie einen baldigen Umzug, denn in F., einer Großstadt in der Mitte Deutschlands gebe es sicher Arbeit für ihn.

Esra übersetzt wie verrückt bei den neu ankommenden Flüchtlingen. Sie liebt ihren Sprachkurs (29 von 30 Punkten), sie liebt es zu lernen, ihre inzwischen zahlreichen deutschen Freunde, das Leben auf dem Dorf, wo man sich kennt und hilft. Und ja, sie wird zurückgeliebt. Sie erklärt den Neuen, wie wir in Deutschland leben, dass wir den Müll trennen, zweimal Mal am Tag die Zähne putzen und keine Wäsche aus dem Fenster hängen. Ich hab mich fast an meinem Börek verschluckt, als sie mir das erläutert hat. Sie ist im Kindergartenelternbeirat.

Ibrahim will in diesem Jahr Hänsele werden, auch die Mädchen freuen sich doll auf die Fasnacht. Er hat vorraussichtlich eine Lehrstelle nach der Schule.

Die mittlere spielt Fussball und Flöte mit flammender Begeisterung. Den Unterricht müssen sie nur anteilig bezahlen, denn Esra schneidet dem Musiklehrer die Haare. Sie liebt die Schule, ihre Lehrerin und ihre Freundinnen. Die Bücher. Den Wald. Und den Trotzki (diese Liebe ist allerdings bisschen einseitig).

Die Kleine fängt langsam an zu sprechen. Hat weniger Alpträume. Geht ab Februar ins Ballett. Und lächelt endlich.

Alle vier wollen absolut nicht weg. Aus ihrer schönen Wohnung. Von der Schule. Sport. Freunden. Vier Länder in fünf Jahren. Das erste Mal länger als ein Jahr an einem Ort. Das erste Mal angekommen.

Einigen der Beteiligten ist klar, worum es eigentlich geht. M. hat hier niemand. Quält sich im Sprachkurs, hat Mühe Deutsch zu lernen. In F. muss er das nicht, da sprechen um ihn rum alle arabisch. M. ist einsam und unglücklich, weil er nicht seine Familie ernährt, und bestimmt auch in seinem Stolz gekränkt. Ich kann ihn ein bisschen verstehen, jeden Tag sieht er mit an, wie souverän sich seine Frau hier bewegt. Wie leicht sie sich tut, wie sie ihn schon lange überholt und wohl auch zurückgelassen hat.

Kein Grund, die gesamte Familie rauszureissen. Noch hat er weder Arbeit noch Wohnung in F. Ich hab zu Esra gesagt, lass ihn gehen, probieren, und wenn er alles geregelt hat, kommt ihr nach. Zwischen den vielen Tränen hat sie ein bisschen gelächelt, denn wir wissen: Das wird nix. Trotzdem.

Wie es scheint, ist der Plan erst mal vom Tisch. Es bleibt aber aufregend.
Puh und das hat mich jetzt eine ganze Woche beschäftigt.