Archiv für den Monat: März 2013

My parents were awsome

Ich war mit der Greisin in einer Ausstellung. Ein bisschen ihr zuliebe, denn mit den aquarellierenden Frauen hab ich es ja zumeist nicht so. Gezeigt wurden die Arbeiten einer früheren Kollegin, der inzwischen verstorbenen Grafikerin der Firma, in der meine Mutter vierzig Jahre lang gearbeitet hat. Die Tochter der Künstlerin war anwesend. An merkwürdigen Stellen ist meine Mutter schüchtern, wir kauften ein Bild für sie (ein zartes hübsches Aquarell, Motiv Überlinger See) und ICH erzählte, die beiden Damen (die Mütter) hätten viele Jahre lang zusammen gearbeitet, woraufhin die Tochter, selbst Anfang sechzig, ein Büchlein brachte: Darin dokumentiert die eleganten bissigigen Karikaturen zur Firmengeschichte, die tollen Plakate, die das Motto der rauschenden Fasnachtsbälle ankündigten und das:

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Mein Mutter bekam mich mit 41. Ich erinnere mich, wenn sie mich vom Ballett (jawohl!) abholte, hab ich mich manchmal geniert und war neidisch auf die jungen schönen Mütter der anderen Mädchen. Ich konnte mir als Kind nicht vorstellen, dass meine Mutter auch mal eine junge schöne Person gewesen war (damals war sie in ihren 50ern). Und eine hochnäsige, wie man sieht. Sie hat sich seinerzeit amüsiert über das Bild, sagt sie, aber ein bisschen war sie auch beleidigt. Und jetzt waren wir gerührt, alle drei. Mit feuchten Augen.

Später fand ich dann, sie sei die schönste aller Mütter. Find ich immer noch.

Jute statt Plastik

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Gestern mit der Neuköllner Freundin in der ortsansässigen Confiserie:
Ich: mit sehr altem sehr schäbigen Jutebeutel vom Roten Kreuz

Pâtissière: Ach, ein Jutebeutel, sollen wieder ganz modern werden, habe ich gestern im Fernsehen gesehen.
Wir: in die Vollbärte kichernd Ach ja? Dann sind wir ja voll im Trend?!
Pâtissière: begeistert Jaja! Wirklich, das kommt!

In solchen Momenten bin ich viel lieber hier als in Neukölln. Echt mal.

Wer hätte das gedacht …

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… es liegt nicht an der Brille, sondern an den Augen
… Felchen schwimmen tief bei Kälte
… ich bin hier das Fräulein Rottenmeier und die Kinder mögen mich trotzdem
… dem Hund gehen sie saumäßig auf die Nerven
… die Greisin hat die besten Ressourcen
… ich ergreife mal Partei für Katja Riemann
… es hat aufgehört zu schneien
… die Lieferung kommt pünktlich
… Bücherlesen macht Spass
… es gibt wieder Internet
… ich ruhe in mir (JA, VERDAMMT!)

Woanders #04, letzter Teil

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Diese Dame schläft in meinem Lieblingsgarten. Der wohl der berühmteste in Cornwall ist, und auch der meistbesuchte. Und er ist so wunderschön und besonders, dass mir das, die ich ja dazu neige, etwas blöd zu finden, wenn es die anderen gut finden, überhaupt nix ausmacht. The lost Gardens of Heligan. Aber dazu später. Jetzt müssen wir erst mal übernachten. Das habe ich immer sehr gerne in Mevagissey getan, aber Jim, bei dem ich meine erste geräucherte Frühstücksmakrele vertilgt habe (ja, ich könnte morgens auch Schweinsbraten essen) hat sein Haus verkauft und ist in die Bretagne ausgewandert: Same nature, better wine, ein andermal wohnten wir so, wie ich mir das immer erträumt habe, in einem alten Steinhaus mit Gartenkitschladen und kleiner Gärtnerei mit offener Tür und Blechdose, am Fussweg nach Heligan. In diesem Haus wollte ich meinen Krimi spielen lassen (Expose gelobt, nach dem ersten Kapitel keine Lust mehr, alles wie immer). Als ich das letzte mal da war, war der schöne Garten ums Haus zu Rasen geworden und mit einer riesigen bunten Plastikrutsche verziert. Ich hab mir Sorgen gemacht und zu hause eine Mail geschrieben. Stephanies einziger Sohn ist Fussballprofi in Liverpool. Zu dem sind sie gezogen. Nach Liverpool.

Mevigissey war beim letzten Besuch ein bisschen runtergekommen. Viel Leesrstand, viel to let, ist sicher nicht der schönste Ort an der Kanalküste, ich mag ihn aber. Keine Ahnung, wo man da jetzt gut unterkommt. Ziehen ja alle weg.

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Fowey ist auch hübsch. Hier hat Daphne du Maurier gewohnt. Auch hier.
Schlafen und Essen ist beispielsweise möglich im Ship Inn.

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Aber jetzt mal nach Heligan. Kann man von Mevegissey aus zu Fuss hingehen, durch die Felder. Oder den Bus nehmen. Falls es doll regnet. Fährt am Pub los.

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Schon diese Geschichte ist was für mich. Wikipedia erzählt: Die schriftlich dokumentierte Geschichte Heligans reicht zurück bis ins 12. Jahrhundert. Zweimal wechselte das Anwesen den Besitzer, bis es in der Tudorzeit in den Besitz der Familie Tremayne kam, die es über 400 Jahre lang bewirtschaften ließ. Zwischen 1780 und 1790 ließ Henry Hawkins Tremayne die Gärten so gestalten, wie sie heute wieder zu sehen sind. Im 19. Jahrhundert, als der Garten seine Blütezeit erlebte, arbeiteten zeitweilig 22 Gärtner auf dem Gut. Im Ersten Weltkrieg begann der Niedergang Heligans. Die Gärtner waren im Krieg, und Jack Tremayne stellte das Haus der britischen Armee als Erholungsheim für Offiziere zur Verfügung. Als die Tremaynes das Anwesen 1919 zurück erhielten, waren konnten sie das zum Unterhalt Heligans nötige Personal nicht mehr bezahlen. Das Haus wurde an Freunde der Familie vermietet, den Garten aber nicht instand hielten – Heligan verwilderte zusehends. Jack Tremayne zog nach Italien. Im Zweiten Weltkrieg übernahmen die Militärs Heligan erneut, die Amerikaner übten hier für die Landung in der Normandie. 1970 verkauften die Tremaynes das Haus, das Anwesen selbst blieb im Besitz der Familie. John Willis, ein Nachkomme der Familie Tremayne, erbte Heligan im Jahr 1990. Der 1987 nach Cornwall gezogene Musikproduzent Tim Smit und sein Freund John Nelson lernten Willis und Heligan 1990 zufällig kennen. Zusammen begannen sie 1991 mit einer Gruppe von Gartenbauspezialisten und vielen Helfern, Heligan wieder in den Zustand der viktorianischen Zeit zu versetzen.

Stephanie hat behauptet, halb Mevagissey sei in den verwachsenen Trümmern gezeugt worden. Die Leute da haben jedenfalls eine enge Bindung zum Garten …

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Angeblich hat Herr Smit Archäologie studiert. Wie dem auch sei, dieser Garten ist so wundervoll und einfühlsam restauriert und rekonstruiert, dass der Exrestauratorin das Herz auf geht. Es gibt ein Steinhäuschen, in dem die alten ausgegrabenen Gartengeräte ausgestellt sind.

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Kennt jemand diese Pflanzen? Ist nicht in Heligan, glaub ich.

So. Natürlich gibt es noch unendlich viele zauberhafte Ortschaften. Die Wellen die gegen die Hafenmauer von Porthleven knallen sind sehr eindrucksvoll. Dort im Ship Inn kann man wunderbaren nicht fritierten Meerkram essen (viel Phantasie haben die nicht mit ihren Kneipennamen). Geräuchert. Im Harbour Inn wohnt man ok hübsch, mit Hafenblick (überhaupt scheinen mir die St. Ausstell-Pups ganz ordentlich zu sein). Portscatho, Portloe usw., alles malerische kleine Dörfchen. Alles zum Selberrausfinden!

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In einem der Restaurants von Rick Stein in Padstow muss man wohl gewesen sein. Hab ich mir sagen lassen.

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Regenjacke mitnehmen. Festes Schuhwerk. Und einen Adapter für die Steckdosen. Und Vorsicht mit der Vogelgrippe. Von BSE gar nicht zu reden.
Und machen Sie’s am Besten wie die Krabbe und lassen sich viel Zeit. Viel Vergnügen. Hier schneit es. Seit 48 Stunden.

Die anderen Etappen der Reise sind woanders.

Woanders #03

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Wer in Mousehole (sprich Mausel) übernachten will, sollte vorher buchen. Oder dort auf der Strasse einen ansprechen, der dann der Pastor ist und mobil alle seine Zimmervermietenden Schäfchen anruft, um einen unterzubringen. Das nützt leider auch nix, ist aber sehr charmant und sieht lustig aus. Überhaupt sollte man immer Einheimische auf der Strasse ansprechen. Damit ging mir die K. früher wahnsinnig auf die Nerven, aber ich habe mich inzwischen wegen der so gemachten Entdeckungen mehr als damit abgefunden. Die K. und ich reisen seit Menschengedenken zusammen, sie hat uns verwegene Tapasbars am damals noch abgerockten Hafen von Barcelona aufgetan, abenteuerliche Absteigen in Lyon, verborgene Restaurants in toskanischen Hügeln, mit Bistecca groß wie Klodeckel und butterzart, düstere Kaschemmen in Chicago, also: warum nicht den Pastor fragen.

Gelandet sind wir, kurz bevor die Stimmung kippte, in Newlyn, in einem netten kleinen Hotel, dessen Restaurant sehr gut sein soll, Armut und Geiz trieben uns aber in den Pub, wo wir einen riesigen Berg sehr frisches sehr frittiertes Meeresgetier verzehrten. What a shame. Gibt es also doch noch beim Engländer. Newlyn hat mir gut gefallen, das ist mal ein richtiger Ort mit einem schmutzigen Hafen und verfallenen Baracken und so, gar nicht Pilchermäßig. Auch schön. Nach soviel Postkartenidylle.

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Aber derentwegen sind wir ja hier, deshalb auf nach St. Ives, einer dieser so genannten Künstlerkolonien.

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Zugegeben: Der Ableger der Tate ist sehenswert. Und man hört dort das Meer rauschen. Und Turner kann ich eigentlich immer anschauen. Ansonsten ist St. Ives ein hübsches Städtchen, in das sich viele mittelalterliche Hausfrauen aller Nationen zum Aquarellieren zurückgezogen haben. Sollnse. Wir machen uns lieber aus dem Staub, um der Gartenkultur zu huldigen.

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Da wird es leider etwas unübersichtlich. Diese Gärten haben so kornische Namen und beginnen meist mit Tre… Ich habe im Laufe der Jahre ungefähr 30 besichtigt, bringe die aber ziemlich durcheinander. Nur meine liebsten drei, die hab ich auf dem Kasten. Den Rest müssen Sie dann also alleine rausfinden, da gibt es auch so tolle Faltblättchen vor Ort, wo alles drinsteht. Oder hier.

Auf dem Weg ins Grünbunte werfen wir noch einen Blick auf den St. Michaels Mount, den englischen Zwilling des gleichnamigen Franzosen. Um das Schloss rum gibt es auch einen Garten. Uns war es da zu voll, deswegen sind wir bei Ebbe nur bis an den Inselrand spaziert und wieder umgekehrt, fanden wir völlig ausreichend.

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Wir beginnen lieber richtig im Trebah Garden. Oft hört man diese Geschichte in Variationen: Nach dem Tod des letzten Erben wurde der Garten nach Jahren der Vernachlässigung wieder zum Leben erweckt, in diesem Fall vom Ehepaar Hibbert. Und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich weiß nur zu genau, wie viel Geld und Arbeit es kostet, so einen Krempel in Schuss zu halten (von Schuss bin ich weit entfernt). Seufz. Meinen größten Respekt. Auch wegen der Öffentlichkeit. Nicht auszudenken.

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In Trevarno hat das leider nicht geklappt. Ich bin froh, dass ich noch da war und den dämlichen Pfauen beim Stolzieren durch die wundervollen Anlagen zuschauen konnte.

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Und erst die Narzissensammlung, ach schade. Zu ist. Aufgeteilt und das Herzstück verkauft an einen Ausländer. Auch das noch (mit £ 10 Millionen wären auch wir dabei gewesen, Herrenhaus und Umgebung hätte es schon für vier gegeben).

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Nicht recht vorangekommen auf der Insel heute (hilft aber ganz gut gegen die Dämonen). Jetzt nach Fowey.

Die anderen Etappen der Reise sind woanders.

Schrättle

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Damen und Herren, aus triftigen Gründen musste ich das, was hier stand leider rausnehmen. Die Welt ist ja doch zu klein. Danke SEHR jedenfalls noch mal für Euren Beistand. Es ist schon besser.

Woanders #02

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Die Englandreise der L. ist wegen Komplikationen verschoben. Meine eigenen Reisepläne zerplatzen gerade wie Seifenblasenblasen, es scheint, als würde es statt Lissabon, Marseille und Island doch wieder auf meine Lieblingsinsel hinauslaufen. Dank der Recherchen der L. weiss ich nun, wie günstig und unproblematisch man von hier mit dem Zug nach London fahren kann. Keiner meiner Freunde wohnt mehr in London, das ist ein wenig merkwürdig, denn gefühlt haben die da alle mal gewohnt. Am Allerschönsten der P., in einem eigenen Reihenhaus in Brixton, drei Stockwerke, schlicht renoviert und sparsam mit ein paar Merkwürdigkeiten vom Trödel möbliert. Der Mann hat einen unfehlbaren Geschmack. Leider lebt er inzwischen in Berlin und die Zeit der rauschenden Grillfeste mit seinen jamaikanischen Nachbarn gehören der Vergangenheit an. Und die der ewigen gegrillten Makrelen vom Grossmarkt. Perfekt fürs Gartenfest. Überhauprt der Garten: Nur Lavendel und weisse Kletterrosen, das finde ich zauberhaft, würde es aber nie durchhalten, da es Tausend Blumensorten gibt, auf die ich nicht verzichten kann. Dort vor vielen Jahren das erste mal gehört: Ladybird. Kein Vogel.

Daher nicht nach London. Oder nur kurz. In Devon und in Somerset waren wir ja schon. Also direkt nach Cornwall. Am besten erstmal nach Boscastle, weil es da besonders schön ist. Und weil es ungefähr da einen grossartigen Abschnitt des Southwest Coast Path gibt, auf dem man theoretisch die ganze Halbinsel umrunden könnte.

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Das machen wir dann auch mal, so wie Lynley. Jetzt gehen wir aber erstmal nur von Boscastle nach Tintagel, auf dem Weg kommen wir durch das Rocky Valley, mit der rätselhaften Felsritzung aus der Bronzezeit (?) und einem Wasserfall (über all das weiss allerdings die Krabbe viel besser Bescheid, die hier in der Nähe mal einen ganzen Sommer verbracht hat).

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In Tintagel stand der Sage nach die Burg von König Artus. Von der sind noch ein paar Steine zu sehen, komplett ist dagegen die völlig exzentrische Plattenbauhotelburg Camelot Castle, die auf jeden Fall eine Tasse Tee (und ein paar Scones) wert ist. Alle anderen Stars waren auch schon da.

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Ansonsten kann man diesen ollen Ort ignorieren, wenn man in der Nähe übernachten möchte, kann ich das Port William Inn wärmstens empfehlen, es liegt spektakulär fast direkt am Meer in einem winzigen Nest namens Trebarwith Strand. Dazwischen stehen nur ein paar glattgewaschene Schieferformationen, auf denen man prima herumstaksen und sich fürchten kann, ins Wasser zu fallen. Das ist bewegt und kalt. Aber dafür gibt es ja Anzüge.

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Wenn man die Schnauze voll hat von Pubfood und Ledersesseln, fährt man am besten Richtung Watergate Bay und macht Rast bei Jamie Oliver im Fifteen. Nachdem man über den riesigen Strand spaziert ist und denn Mädels und Jungs beim Surfen zugeschaut hat zum Beispiel. Ich mag das Surfen. Konnte ich mal bisschen. In Noosa Heads gelernt, von einem schwarzhaarigen blauäugigen Iren.

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Ich hab dort nicht gegessen, wir waren da zu einer ungünstigen Zeit, kann also nur sagen, dass es hübsch aussieht. Und die Karte interessant ist. Im Scarlet war ich auch nicht, das ist der Plan der L., die zahlt ja sowas aus der Portokasse. Wir bleiben da heute auch über Nacht, Internet kost ja nix. Als nächstes geht es nach Mousehole. Und dann kommen die Gärten! Unglaubliche Gärten. Man erblasst.

Die anderen Etappen der Reise sind woanders.

Ohne rotwerden

Ich liebe diese Korrespondenzen:
Ich: Sollen wir das heute Abend so oder so machen?
Antwort: Ok

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Wenn ich immer so ordinär sei und so viel fluchen würde, fände ich keinen neuen Mann sagte die Greisin heute. Aber schreiben tu ich immer ordentlich (muss trotzdem umstellen, nächste Woche das Haus voller Kinder). Der alte mochte das auch nicht (war das das Problem? Bestimmt.).

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Warum sind die Zypriotischen Banken nochmal pleitegegangen?

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Garten umgegraben. Vergessen, wie sehr das erdet.

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Frosch- und Krötenlaich trotz Kälte.

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Wir verschenken einen Hubschrauberrundflug über Berlin und dann sowas. Aber wir lassen uns nicht abhalten. Apropos Berlin: Freu mich. Echt. Voll. Juhu! Endlich die Bonusmeilen verballern. Für was muss der Scheiss ja gut sein.

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Irgendwas fehlt.

Gefunden werden

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Das Bild passt nicht so recht, ist aber schön. Oder?

Frau Casino schrieb über einen ihrer Zwillinge unlängst, er sei ein gründlicher sucher und kein panikkind. Das finde ich großartig und unvorstellbar. Leider bin ich weder das eine noch das andere.

Wenn der Kommunist mich bat, ihm die Rauchutensilien aus dem Nebenzimmer mitzubringen, rief er, der Tabak sei in der linken Außentasche der Bomberjacke, das gelbe Feuerzeug liege auf der Ablage am Spiegel und es müssten noch Blättchen in der rechten unteren Schublade der Kommode sein. Genau so war es. Ich bin froh, falls ich, wenn ich rauchen will, überhaupt ein Feuerzeug dabei habe, kein Gedanke, ich wüsste, in welcher Tasche es sich befindet. Genauso verhält es sich mit dem Schlüssel, dem Telefon und dem Geldbeutel. Regelmäßig, besonders auf Reisen verfalle ich in blanke Panik, weil ich irgendetwas Lebensnotweniges nicht finden kann, und schwöre Stein und Bein, ich hätte es genau da verstaut, es kann also nur verloren oder gestohlen sein. Das führt dazu, dass ich meine unterschiedlich großen Handtaschen an unpassenden Orten, wie zum Beispiel Flughäfen (wenn zwischen Zoll und Einsteigen die Bordkarte spurlos verschwunden ist) komplett auskippen muss. Natürlich mit damit einhergehender hektischer Hysterie und wahrlich nicht immer unbegründet, denn imposant ist die Zahl der verlorenen Schlüsselbunde, Geldbeutel (oh, auch wunderschöne), Handschuhe, Schirme, Schals und geerbten Schmuckstücke. Das ist unzumutbar und sehr peinlich. Meine Freunde ignorieren diese Attacken weitgehend und verdrehen höchstens die Augen, tatsächlich tauchen die meisten Dinge auch wieder auf, da sie sich lediglich nicht dort befinden, wo sie sich befinden sollten.

Als ich nach Kreuzberg zog, stellte ich das Nähtischchen raumgreifend in den Flur und rief den Beginn einer neuen Ära aus (ich rief sicherheitshalber sehr leise), denn von nun an wollte ich den Wohnungsschlüssel sofort nach dem Betreten der Wohnung dort ablegen, so dass ich ihn immer sofort und mühelos zur Hand hätte. Manchmal klappt das. Die vielen Male, wo es nicht klappt, ist es noch schlimmer als vorher, denn wo verdammt soll der Scheißschlüssel denn sonst sein, wenn er nicht auf seinem Platz liegt?

In der Schwedter Straße gelang es mir sogar einmal, den Schlüssel in der Wohnung so zu verlieren, dass ich den deponierten Ersatzschlüssel einfordern musste. Wochen später fand ich ihn in der Medizinschachtel im Bad. Ach. Und ich wäre so gerne strukturiert. Und organisiert. Und nicht so zerstreut. Die Greisin, die das sehr verzweifelt (heute bin ich ohne Geld zum Einkaufen gefahren), durchlitt das schon einmal: Der alte Montez hat seinen Besitz über die Hotelzimmer der ganzen Welt verteilt, so habe ich lustige Kleidungsstücke von überall geerbt, denn mitunter war der Mann schon in Schanghai, der Mantel aber noch in Peking. Und dann hat er halt einen neuen gekauft.

Die Greisin selbst ist, nicht mehr in höchstem Maße, aber noch immer in weit höherem als ich, über diese Dinge erhaben, hat in ihrem langen Leben nie einen Schlüssel verloren, im schlimmsten Fall, und das erst seit einiger Zeit, einen verlegt. Zudem verfügt sie über eine gut geschmierte Verbindung zum heiligen Antonius, der ihr sogar schon ein gestohlenes Auto wiederbrachte. Ich selbst bin leider, außer zu bisschen Aberglauben (schwarze Katze von links), zu dieser Art vertrauensvoller Hinwendung nicht in der Lage. Dennoch hab ich ihn extra zweimal daheim in Padua aufgesucht, habe bestmöglich seinen Zungenresten gehuldigt und ihm Kerzlein angezündet. Er aber meinte, bei meinem Schuldenregister sei das höchstens ein Tropfen auf dem heißen Stein.