Kategorie-Archiv: Wehwehchen

Freitagstexter

So. Wir machen das nun kurz und schmerzlos: Mein Bild hat offenbar nicht gefallen. Nichts destotrotz und umso schöner, dass DEN sehr gelungenen Beitrag von Frau Pfefferoni gibt:

Während Engels noch über die Einleitung seines neuen Buches sinnierte, amüsierte sich Karl, die Möwe, über diese geisterhaft wandelnde Gestalt… Störtebeker nannten sie ihn.

Freitagstexter

Danke sehr! Hiermit überreiche ich feierlichste den Pokal und bin froh, dass es vorbei ist. Viel Erfolg!

Das Letzte

1. Tag

Früh morgens. Komme runter in die kalte Küche, nachdem ich ab 6 Uhr Korrekturen in der Mikrofinanzierungsbroschüre gemacht habe. Die Greisin sitzt käsig am Tisch. Kein Feuer? Schwindlig sei ihr, sagt sie, und sie sehe alles doppelt. Noch vor dem Frühstück über den Hausarztumweg in die Klinik. Ihr ist bald besser.

Da war Qualm in der Küche, hab versucht noch schnell ein Feuer zu machen, Tür aufgelassen, sind ja gleich zurück. Von wegen.

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Als ich heimkomme: Bombeneinschlag. Die fette weisse Heimsuchung hat den Tisch abgeräumt. Tomaten. Brot. Rote Betehummus. Zum Schluss noch das rosa Maul sorgfältig an der Tischdecke abgewischt. Auf dem Rausweg: Hundetrockenfutter, Katzentrockenfutter, Vogelfutter, Linsen. Bitte keine Kolik, das fehlt noch …

Ausser einer kaputten leeren Bierflasche nur Chaosschäden. Ich muss trotz allem sehr lachen.

Abends Pizza und Rotwein mit den Guten. Sehr erschöpft. Racletteverabredung für den nächsten Abend.

2. Tag

Die Greisin hängt noch immer an summenden Maschinen, ist aber ganz fidel. Ich hab den Hund im Auto, will noch ein paar Schritte gehen, schöne Gegend hier. Komisch, seit wann ist hier ein Berg? Gut, dass da ne Bank steht.

Absage Essensverabredung wegen Erschöpfung.

3. Tag

Greisin auf Normalstation verlegt, ist fröhlich. Ich wacklig.

Abends bequatscht von der ganzen Mannschaft Sternerestaurant in KN, hänge an Bubis Arm. Essen schmeckt.

4. Tag

Greisin darf heim. Ich schwanke. Viel Bett.

5. Tag

Viel Bett.

6. Tag

Mit der Greisin zum Arzt. Icke direkte Einweisung.

7. Tag

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Statt nach Thüringen und Berlin reise ich nach Allensbach. Am selben Tag noch 1000 mg Cortison intravenös.

8. Tag

1000 mg Cortison intravenös. Decke anglotzen. Reicht.

9.Tag

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1000 mg Cortison intravenös. Kann einigermassen geradeauslaufen. Finde, ein Ausflg ins Dorf sei angebracht, wegen Sahnetorte. Auf dem Weg Blümchen gepflückt, was ins Auge bekommen, grosse Aufregung ausgelöst. Mit dem Taxi zurück. Ja, eigentlich weiss das die Chefbotanikerin, dass Wolfsmilch giftig ist. War wohl mit den Gedanken woanders …

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10. Tag

1000 mg Cortison intravenös. Schlapp. Besuch. Schön.

11. Tag

Heim. Wie sehr ich meinen Lebensplan ohne diese beschissenen Krankheit gemacht habe. Die Trotzkirunde geht mit Ach und Krach. Hey, das ist doch was.

12. Tag.

Heute. Jaja. Geht schon. Das muss wieder werden, bitteschön! Ja?

Das hat sie nun davon

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Also, sag ich zu ihr, ich geh ja nicht mehr leichtfüssig zum Arzt, seit sich die ollen Diagnosen die Klinke in die Hand gegeben haben seinerzeit. Unschuld verloren. Da beginnt immer gleich eine Odyssee. Selbst ohne jede Angst vorm Zahnarzt (Schmerzen, achja, da bin ich nicht so) schiebe ich den jährlichen Termin, bis es nicht mehr geht. Vermutlich Bedenken, dass mein Kieferknochen amputiert werden müsste.

Also, sagt sie, das verstehe ich sehr gut, das geht uns ja allen so und tätschelt mir den Arm. Oh, und das und das und das sollte man operieren und zur Mammografie schicke ich Sie auch noch. Nix Böses aber.

Ok. Zweitmeinung. Und wenn es nicht bös ist, operiert mich niemand. Ich bin doch nicht blöd. Wofür auch?

Also, sag ich, jetzt ist es ja genauso gekommen, wie ich dachte, dass es kommt. Diagnose, Überweisung, Diagnose, Überweisung. Ohne die neue supere selbstzuzahlende Methode hätten wir das alles nie erfahren.

Hm, sagt sie. Und ich überlege, ob ich auf die Zweitmeinung verzichte.

Und an dieser Stelle einfach aufhöre.

Alte Strassen

Es lässt sich kinderleicht rekonstruieren, wer hätte das gedacht. Pünktlich sechs Monate nach dem eigenmächtigen Absetzten der Prophylaxe ein Schübchen. 2010 war das. In der malerischen Hölle des umbrischen Landguts. Ein Glück, die K. war da mit ihrem Mann, sonst hätten wir uns pausenlos und immer tiefer im Dickicht der unerfüllten Wünsche verheddert, wie so oft. So gab es ein paar heitere Momente, jedoch auch einen kleinen kalten Fleck am Knie, der sich synchron zum unaufhaltsamen Voranschreiten der Katastrophe zu einem dichten Pelz am Unterschenkel auswuchs. Kaum zu verbergen dann das Nachziehn des linken Beins. Plötzlich viel schwerer als das andere.

Als ich zurück war aus dem Hades, ging ich zum Arzt. Ein MRT fand der und unbedingt wieder die bittere Medizin. Jaja hab ich gesagt und mich schnell verdünnisiert. Dann war Ruhe. Bis zu diesem März. Das Augenzeug. Na gut, nach nur einer Woche Schieben ein Arzttermin in B. Auch wegen Ausmecker von den besorgten Nahen.

Da steh ich nun am Tresen, mit fast fester Stimme trag ich vor, au wei sagt die dünne Dame, alle Patienten wurden doch verständigt, der Herr Doktor bildet sich bis morgen fort. Args. Wohin ging denn die Post? Na, Schwedterstrasse, die Adresse von 2010, da fiel sie in ein schwarzes Loch. Also noch mal von vorne. Mit dem Auge kommt es eh nicht mehr drauf an, entweder man haut das olle Zeug direkt drauf oder eben gar nicht. Schlägt ja gemeinhin eh nicht an bei mir.

Ich hab’s mir jetzt bis Ende Juli gegönnt. Das Drücken. Dann aber.

Bauch, Beine, Po

Angefangen habe ich in Köln, als ich bei einer bekannten Kindersendug hospitierte und den ganzen Hühnerhaufen in kurzer Zeit gegen mich aufgebracht hatte, einer der Gründe, die Kinderfernsehidee zu begraben. Ich hab da was im Ohr, so einen Pfropfen fand ich beim HNO, der fand aber einen Hörsturz, ich hab das noch mit Ach und Krach Ende zugebracht, um dann daheim in Berlin bei der Arbeit zusammenzuklappen. Kochsalz war nix, aber Cortison. Und das erste MRT. Oh, kein Hörsturz. Eine blödere Diagnose. Dann die Hände, beide, ging dann wieder, kam dann wieder, die linke blieb mir, ein bisschen. Kribbelnd. Ein paar Jahre in Praxen, Literweise Cortisoninfusionen, bis ich nicht mehr hinging. Die Unschuld beim Arzt verloren. Kennt man ja aus den Groschenheftchen. Nach dem 73. MRT hab ich einfach aufgehört. Mit Arzt. Mit MRT. Mit Cortison. Mit Prophylaxe.

Ich war seit vier Jahren nicht mehr beim Arzt. Vor lauter Angst davor, was der alles finden könnte. Bis heute. Ok. Rechtes Ohr, linke Hand, linkes Bein und jetzt: Linkes Auge. Gehöre dazu, hat das Internet behauptet, ist meistens nach einer Woche wieder weg. Es sind jetzt zweieinhalb. Heute hab ich mir ein Herz gefasst. Auf dem Rückweg vom Friseur. Falls es doch was anderes ist, will ja niemand. Komme gleich dran, alle scheinen besorgt. Nette Augenärztin mit Osthaarfärbung. Ich sitze im Behandlungszimmer, warte und glotze (so gut ich kann) und alle Lesetafeln, überhaupt alles hängt schief da drin. Das finde ich vertrauenserweckend. Raus kommt nur die übliche Ratlosigkeit. Ja. Das stimmt was nicht. Ja, das könnte ein neurologisches Problem sein. Aber typisch ist das nicht. Typisch. So komm‘ ich in sechs Wochen wieder. Ich wünsche mir, dass es mal ein bisschen klassisch geht, also weg. So wie das Internet behauptet. Ich brauch doch mein linkes Auge. Sehr.

Ein Aufstand gegen die Sterblichkeit

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Also, ich bin ja nicht gerade ein Fän von Herrn Precht, aber nachdem mich dieses Thema unermüdlich beschäftigt, (ich behaupte zum Beispiel, meine letzte Beziehung ist an meiner Krankheit gescheitert, oder auch die Sache mit der Demenz) möchte ich diese großartige Sendung verlinken, aus der ich nicht müde werde zu zitieren, Richard David Precht und Juli Zeh: Der getunte Mensch, seit ich sie im April gesehen habe. Ein seltener Fernsehglücksmoment.

Ich fasse wie immer hier nix zusammen, weil ich das nicht kann, denn ich finde, die beiden sagen alles sehr gut, was zu diesem Thema gesagt sein muss. Natürlich ist das total einseitig, so heißt es: Die Hauptmotivation für Körperkult ( ich glaube, die beiden meinen damit vor allem Sport) ist nicht Freude sondern Angst. Tatsächlich gibt es Menschen, und nicht so wenige, die wirklich Freude an Sport haben. Und das damit einhergehende Formen des Körpers ist bis zu einem bestimmten Grad nicht verwerflich. Dennoch kann man die eigene Motivation nochmal überprüfen. Mir sprechen die Herrschaften jedenfalls aus tiefster Seele. Und erläutern vieles, was ich in meiner Umgebung beobachte: Die Angst, Fehler zu machen. Die Selbstoptimierung. Den Kontrollzwang. Die Abwehr sogenannten defizitären Lebens. Muss immer alles gesund sein. Und bloß nicht neben der Norm. Schlank. Sportlich. Aktiv. Sexy. Gehört so.

Jedoch: Glück und Wohlbefinden gehen nicht einher mit körperlicher Gesundheit.
DAS war für mich eine große Erkenntnis. Die mein Leben verändert hat. Bis heute verändert. Und mir viel Angst nimmt.

Und wenn wir schon dabei sind, noch ein kleines Highlight. Über den Unterschied zwischen alleine und einsam sein: Bambule. Mit Sarah Kuttner, zu der ich aus Gründen ein sentimentales Verhältnis habe. Also eigentlich zu ihrem Vater (ja, ich weiss das mit der Stasi). Ist durchwachsen, sind aber ein paar schöne Gedanken drin.

Ein Jahr ohne Sommer

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Ja, klar, ich weiß, daß da ein Sommer war. War wohl nicht der schlechteste. Ein Gefühl gibt es dazu nicht. Wenn ich die Zeit von Juni bis September denke, eine Zeit, in der ich sonst an jedem Tag am Ufer gammle, in diesen See springe und abends bunte Sachen trinke, denke ich an Sorgen, quälende Unruhe und an Beklommenheit. Dreimal vielleicht war ich beim Baden. Denk ich an den Hubschrauber, der im Weizenfeld des Nachbarn landete Meine Güte, der drückt ja das Getreide platt, daß ich staunte, wie er aufsetzte, ohne viel Schaden anzurichten. Wie der Imker in diesem Moment vorbeifuhr und mir winkte, ich zurück, wie er mir andermal erzählte, er mußte eigentlich ganz woanders hin und vor lauter Schreck geradeaus über die Kreuzung fuhr. Wie mir die Tränen in die Augen schossen, als der Helikopter abhob und ich mitten auf der Straße stand und heulte. Was soll jetzt werden.

An die vier Krankenhäuser, zu denen ich in diesem sogenannten Sommer reiste und daran, dass ich probierte, zu lernen, den Gedanken an der Greisin Endlichkeit zu denken, ohne sofort rot zu sehen. Klappt so mittel inzwischen. An die Zickzacklinien in den verschiedenen Kästen neben den verschiedenen Betten, von denen man ebenso den Blick nicht wenden kann wie von den halbnackten Damen in den italienischen Quizshows in einer neonbeleuchteten Trattoria. Im Fernseher über der Küchentür. Daran, daß eine Diagnose und mögliche Behandlung direkt die nächsten Maßnahmen nach sich ziehen sollte, daran dass die Chirurgen die Messer schon in den Händen hielten, und wenn ich die Greisin nicht mit Gewalt da rausgerettet hätte, wäre sie vermutlich tot. Oh, Herzversagen, da haben wir gar nicht dran gedacht. Aber auch an Ärzte die besonnen waren, die geduldig erklärten, abwägten und gute Ratschläge erteilten.

Ich denke an die beiden Reisen, die wie stille Inseln in diesem sogenannten Sommer liegen, an die Freunde, die für mich so lange Haus, Hund, Pferd und Greisin (ICH MUSS NICHT GEHÜTET WERDEN!!!) gestreichelt haben, an Langeland und das fast wortlose Ballett mit der Politikerin, die ungewohnte Harmonie, an den warmen Wind, der auf Mittelmeer gemacht hat. An die Provence, den Versuch ein Bild zu malen, an den Gestank und die Farben von Marseille, an die verklemmten Freier, die durch meine Straße schlichen, ganz beiläufig. Und die Damen mit den faltigen Dekoltees, wartend auf den Treppenstufen beim Hotel. An die aufgerissenen Augen des Taxifahrers Was, DA wohnen Sie?

An den Anruf um 11 Uhr 52, am Tag des großen Eingriffs, bis zwölf hatte der Chirurg mit den samtigen Augen gesagt, er melde sich. An mein lautes Heulen, nach dem Auflegen und die hellhörigen Wände der trutschligen Pension, es hat sich vermutlich angehört, als schlachte ich ein Tier in meinem Zimmer. Und daß ich nicht mehr aufhören konnte. Nach Wochen des Zusammennehmens.

Ja, ich weiß. Sie ist bald 83. Das ist alt. Da kann man schon mal sterben. Schon klar. Bin ja nicht blöd.

Sie ist meine Lieblingsmitbewohnerin (und ja, ich hatte schon sehr viele) und meine beste Freundin, und natürlich meine Mutter, und ja, ich weiß, daß die Psychologen da jetz die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Ist mir scheißegal. Ich hätt gern noch ein paar Jährchen. Für uns. Mit weniger Blaulicht. Die Chancen stehen gut, sagen die Ärzte.

Es gab schon mal ein Jahr ohne Sommer. Das Jahr meiner eigenen Diagnose. Es war heiß. Mir war elend. Ich lag tagsüber auf einem Liegestuhl unter einem Baum, daheim. War gerade raus aus dem Krankenhaus. Wenn ich einnickte (nachts schlief ich nicht) schreckte ich nach wenigen Sekunden hoch und dachte, ich ersticke. Essen ging auch nicht. In diesem Sommer lernte ich die eigene Endlichkeit kennen. Mit der bin ich auf Du und Du inzwischen. Glaub ich. Das eigene Sterben. Macht mir viel weniger Angst.

Gekreuzte Krummsäbel

Und auch hier, weit ab von den zweifarbigen und haarlosen Frisuren Mecklenburg Vorpommerns, werde ich prompt beim Mittagessen in Meinungen wie Jaja, die Moslemmentalität, diese Messerstecher, schwurbel schwurbel verwickelt. Bin doch noch immer nicht so jenseitig, da nicht mit flammenden Reden zu kontern, reisse mich aber zusammen, nicht zu laut zu werden (mir geht das Messer im Sack auf, da werd ich glatt zum Moslem).

Sie halten mich jetzt aber nicht für fremdenfeindlich, oder? Ich lächle, hole ein wenig aus und: murmle ein stilles Mantra, die Greisin muss noch zwei Wochen an diesem Tisch sitzen und bestimmt gibt es auch unverfänglichen Gesprächsstoff. Jaja, die Mentalität, das kleine Arschloch. Lauert überall.

Samstagsspaziergang

Ich nehm‘ Sie einfach mal mit. Dann können Sie sich selbst ein Bild machen.
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Literatur ist gratis.

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So in etwa sieht auch die Skulptur aus, die ich in der Provence erschaffen habe.

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Carlsen führt 3:2. Es bleibt spannend. Der kleine Scheisser hat einen Durchmarsch. Der wird doch nicht etwa gewinnen.

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War nicht mal irgendwas mit einer Konzertmuschel? Was war das noch?

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Na klar, carpe diem. Aber sowas von.

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Natürlich habe ich auch am Rad gedreht. Ich habe ein 2in1-Duschgel gewonnen.

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Nachtleben geht auch. Freitag und Samstag.

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Und Kunst.

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So.