Welcome

Und dann frage ich mich, ob mein Beitrag genug ist, weil Esra beim Arzt sagt meine Freundin versteht und hilft mir und stolz auf mich zeigt und weil mich nach dem Urlaub die Kinder umarmen und zwitschern und am liebsten die Sandalen tragen, die ich ihnen mal geschenkt habe.

Weil ich vor keinem Amt helfe, an keinem Bahnhof stehe, weil ich nicht mit einem Boot über das Mittelmeer kreuze. Weil hier nichts genug ist. Und ich nicht darüber schreiben kann. Keine Worte für das.

Aber mir geht das Herz auf. Ich bin gerne Freundin. Und stolz, weil sie in Windeseile Deutsch lernen. Und weil sie wunderbar mit ihren Kindern sind. Und neugierig. Und freundlich.

Weil ich sie so sehr mag. Ein Glück.

11 Gedanken zu „Welcome

  1. Wiesel

    Ja, das kommt immer noch dazu, dass man sich zu wenig fühlt, und ungenug, weil alles nicht ausreicht, in diesem Unsinn. Aber. Sie werden Teil einer Erinnerung sein, die sich Esras Enkel möglicherweise noch erzählen werden, wenn sie die Fotos anschauen, mit den komischen Sandalen, die Opa anhat, auf dem Foto, als er gerade erst nach Deutschland gekommen ist. Da war jemand, der verstanden und geholfen hat, werden sie erzählen. Genug.

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    1. montez Artikelautor

      Es fühlt sich gar nicht so an. Irgendwie denke ich immer, dass muss mit Schweiss und Tränen sein, damit es echt ist.

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  2. Die Toni

    Ich habe mich am Wochenende mit einem Herrn unterhalten, der seinerzeit aus Rumänien nach Deutschland geflüchtet ist. Er lebt bereits lange in Australien und hatte dort ein erfolgreiches und wohl auch glückliches Leben. Und ohne dass wir über die aktuelle Situation gesprochen hätten, erzählte er sehr bald von der deutschen Familie, „die uns als erstes zu sich nach Hause eingeladen hat. Sie haben langsam gesprochen, wir konnten ja die Sprache nicht. Das waren die ersten Momente, in denen ich dachte, es könnte vielleicht doch wieder gut werden.“ Und noch viel mehr… Das hat mich sehr berührt.

    Zum einen: wie tief sitzen die Gefühle der Flucht, des Verlusts der Heimat, wenn das nach so vielen Jahren immer noch ein beherrschendes Thema ist, das so schnell zur Sprache kommt.

    Und zum anderen: wie tief sitzt die Dankbarkeit für ein bisschen menschliches Verhalten, für ein bisschen einladen, für ein bisschen Zeit …

    Und ich wünsche mir sehr, dass die syrische Familie, die wir als erstes eingeladen haben, die uns nach jetzt schon 12 Monaten sehr nah ist, auch manchmals dieses Gefühl haben kann, es wird vielleicht alles gut. Auch sie sagen, Ihr seid unsere ersten Freunde hier.

    Aber es tut täglich weh. Gestern wieder einen ganzen Nachmittag bei den Behörden mit unsäglichen Aussagen. Und wenn am gleichen Abend über whatsapp und facebook direkt Nachrichten aus Damaskus von der Familie kommen. Die nicht weg kann. Wenn sie beginnen, vom Boot zu erzählen. Wenn sie die facebook-Seite zeigen, auf denen sie die Liste der Toten lesen … und ja, wenn die Kinder der Cousine dabei sind. Es ist unvorstellbar.

    Dann ist es so wenig. Es ist zum Verzweifeln.

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    1. montez Artikelautor

      Ja. Dieses Wechselbad kommt mir auch sehr bekannt vor. Und: Ich merke deutlich, dass Zeit und Verständnis mehr zählen als Klamotten und Kochtöpfe. Wie schön, dass Sie etwas davon geben.

      Ich bin von Behördennerv inzwischen ziemlich verschont. Glücklicherweise.
      Und bei Tränen hilflos, das kann ich gare nicht gut.
      Ich versuche es aber. Grmpf.

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  3. Die Toni

    (Und sie lesen die Nachrichten. Nicht nur aus Syrien, auch aus Europa. Sie wissen, was passiert. Auch hier. Und das diese Woche geborene Kind einer anderen syrischen Frau wird tatsächlich Angela genannt.)

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  4. Die Toni

    Ja, tatsächlich, ausgerechnet Angela … ;-)

    Und bei aller Schwere: es ist völlig richtig, was Sie schreiben. Auch mir geht das Herz auf, weil es wunderbare Menschen sind. Und es gibt viele warme und fröhliche Momente. Sehr viele, trotz allem. Und ich lerne mindestens genauso viel, z.B. über Gastfreundschaft … Und darüber zu leben, trotz allem. Mit viel Weinen und viel Lachen.

    Machen Sie es gut.

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