MY PARENTS WERE AWESOME

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Gestern beim Vater gewesen und ihm grelle Astern gebracht. Das ist Pop, sag ich zu ihm, dabei ist er nirgends so wenig wie hier, und Pop konnte er nicht ausstehen. So wie eigentlich alles, was musikalisch nach Tschaikowski kam. Aber er kann ja nicht mehr meckern.

Wenn ich von ihm träume, was in gleichen Intervallen vorkommt, gibt es zwei Väter. Kurz nach seinem Tod war es der Späte, das zarte Wesen, fröstelnd eingehüllt in Decke und Schaffell. Meistens musste ich ihn retten, oft trug ich ihn sogar, aus einem brennenden Haus zum Beispiel. Inzwischen ist es wieder mehr der Frühe, der jähzornige Kraftmeier. Und wir haben uns in der Wolle wie eh, sind im sogar Traume uneins, wie ein Problem zu lösen sei. Aus einem Holz geschnitzt. Psychologisch ist das wohl nicht sehr anspruchsvoll.

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Nur ein bisschen konnte ich verstehen, was Inge Jens in der Süddeutschen (im Stern) gesagt hat: Der demente Walter sei nicht mehr ihr Mann.

Das habe ich nie so gefühlt: Er war immer mein Vater. Klar war er fast ein Anderer (glücklicherweise ein milder freundlicher), aber eben nur fast. Es kam mir in diesem Gespräch so vor, als sei ein Mensch nur liebenswert, wenn er intellektuell funktioniert. Dieser Auffassung bin ich nicht, selbst wenn man ihn deshalb oder auch deshalb mal ausgesucht hatte. Und er nach langen Jahren des Austausches kein Gesprächspartner mehr ist. Schwer ist das, na klar.

Aber man kann beitragen, dazu dass ein Mensch seine Würde nicht verliert. Leberkäsweckle. Warum soll er sich nicht freuen? Ts.

Und lustig war es auch manchmal.

Väterchen, bist du müde?
Ja, sehr.
Wovon bist Du denn müde? Du hast doch nur aus dem Fenster geschaut den ganzen Tag.

Vom Augen auf und zu machen.

4 Gedanken zu „MY PARENTS WERE AWESOME

  1. kid37

    Schickes Rad, der Vater wäre heute König beim nächsten Tweed Ride. Ich denke auch ab und an an so eine dreirädrige Lösung für mich, habe aber leider die Garage nicht dafür.
    Wenn Menschen sich durch schwere Krankheit dauerhaft verändern – und das wirkt sich letztlich auf ihre Selbstdefinition aus – stellt das Angehörige und Freunde ebenfalls vor große Herausforderungen. Mir sind Freunde aggressiv begegnet, wo ich mittlerweile denke, da ist auch Angst, den bekannten Menschen zu verlieren, und den neuen mit all seinen veränderten Grenzen und Möglicheiten kennen sie ja (noch) nicht. Ich glaube nicht, daß es nur „intellektuelle“ Defizite sind die beklagt werden, oder körperliche. Der Kranke verändert sein Wesen. (Was man bei jedem Mann temporär beobachten kann, liegt er drei Tage mit „Männerschnupfen“ flach.)

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  2. montez

    So hab ich das noch nie betrachtet, aber wovon Du sprichst, kenne ich vom eigenen Leib nur zu gut, bin ja zumindest theoretisch ein schwerer neurologischer Problemfall. Ich habe Freunde, die entweder sofort ablenken oder genau, aggressiv reagieren, wenn ich doch mal erwähne, dass ich irgendwas nicht kann (was, klopft auf Holz, bislang nicht so viel ist). Die fürchten sich. Ja, das kann sein. Und verändert hab ich mich bestimmt.

    Bei Demenzkranken empfinde ich das anders. Da schwingt immer dieses „das ist doch kein Leben, so als Gemüse“ mit. Aber weiss mans? Mein Vater war, jedenfalls in den ersten Jahren seiner Erkrankung oft fröhlich. Und nach einer kurzen, sehr schmerzhaften Zeit zu Beginn hat er selbst, unterstelle ich, nicht mehr gemerkt, dass was nicht stimmt. WIR sind mitunter wütend und ungeduldig geworden, wenn er etwas nicht mehr wusste, was er hätte wissen müssen. An seinem 90. Geburtstag, also kurz bevor er gestorben ist, und als er wirklich eigentlich nichts mehr konnte, hat meine Mutter ihn gefragt, wie alt er werden will: 100 hatter gesagt. Das heisst doch was.

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