Archiv für den Monat: Dezember 2012

Fast wie ein Zauberberg #01

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Was willst Du denn da fragt der F. Du bist doch gar nicht krank. Das letzte Mal, ja gut, da schon. Ich sag nix. Denke nur. An Männerschnupfen, an mit dem Hammer auf den Daumen hauen und sowas. Packe weiter. Ob er mich dort hinfährt weiss er noch nicht, ist ja schon sehr mühsam usw. Das erste Mal war ich da bald nach der Diagnose, in einem goldenen Oktober, mit dem Zug, der nicht mal in die Nähe fuhr. Ist ja schliesslich Deutsche Bahn, da muss gespart werden. Rings um die Seen verlassene Bahnhöfe aus Klinker, ohne Scheiben, schwarz bemalt mit schlichten Sinnsprüchen. Statt Zügen gibt es Busse, aber viele sind es nicht, hier wohnt eh keiner mehr. Verspätung. Es regnet dünn in Mecklenburg. Der nächste Bus kommt in zwei Stunden. Ich sitze mit den Kleidern für vier Wochen (die Chronischen bekommen kinderleicht vier Wochen) unter dem zerschlagenen Glasdach und heule, sieht ja keiner.

Und friere. Irgendwo muss es auch hier menschliches Leben geben, tatsächlich. Die Alte Schmiede leuchtet bierreklamenhaft gemütlich in die frühe Dämmerung. Drinnen ich Apfelschorle, und an grosser Tafel eine Sippe, die sich alle Mühe gibt, sämtliche Voruteile in Sekunden zu belegen. Die Alten mit Frisur und Meinung, die Mittleren geschmückt mit martialischen Bildern (auf Haut und Wams), der Kleene in Fraktur und ohne Haare, auch bemalt, und die Kameradin voller Silber im Gesicht, alle einig, friedlich vertieft in ein lautstarkes Gespräch über Neger und Zigeuner. Und was die so verdient haben. Ich fühle das Elend der ganzen Welt und mein eigenes vertausendfacht in dieser traurigen Kaschemme. Warm wird mir nicht. Die Zeit vegeht dennoch und ich schleppe mich und mein Gepäck zurück zur Bushäuschenruine. Und der kommt.

Also, er fährt mich dann dieses Mal, ich weiss ja, dass er immer braucht, sich an solche Gedanken zu gewöhnen, so Expeditionen ins gefährliche Ungewisse mag er gar nicht. Es gibt fast keinen Streit im Auto. Nur nochmal kurz, was ich da will, zur Ruhe kommen sag ich.

Dort ist alles wie gehabt, die Bandscheiben schauen ganz fröhlich aus der Wäsche, die Gehirntumore haben gar keine Haare oder so runde ausrasierte Stellen, wo man durch milimeternachgewachsenen Flaum die Narbe sieht. Die Schlaganfälle sehen grau aus. Und die MSler ziehen gern ein Bein nach oder beide. Ich geh zum See. Es ist Sommer. Ich kenne mich aus. Eigentlich wollte ich ja für Psycho. Zahlt die Kasse aber nicht, da geht nur Neuro. Na gut, Hauptsache wohin.

Auch beim Essen kenne ich mich aus, kann man eigentlich nicht essen. Bisschen von Vegetarisch. Neben mir sitzt Tom, der war Texter in einer tollen Agentur in B. Durchschnittlich noch ein Jahr, mit dieser Art von Tumor. Sein linker Arm ist lahm, hat was abbekommen bei der OP. Einmal stupst er mich versehentlich damit und es dauert einen Moment, bis ich was sage, wir lachen uns halbtot, wir, die Neuros, da braucht das halt alles etwas, er ist ein grosser Kasper und berlinert wundervoll (genau wie der Kommunist, da gibt es grosse Unterschiede). Immer öfter kommt er nicht zum Essen, schliesst sich in sein Zimmer ein. Er wohnt direkt neben mir und ich bilde mir dann ein, dass ich ihn weinen höre.

Die anderen Folgen gibt es hier.

Warum das hier steht: Heute morgen ist mir ein Sack Reis die volle Mistkarre umgefallen. Und ich dachte an die Rehaneurologenfrage, ob die Kraft weniger geworden sei. Die ich beherzt mit nein beantwortete. Hätte aber ja heissen müssen. Hier kann ich’s ja sagen.

Präsent

Für die Optimisten* hier noch ein paar Geschenkideen.
Oder was Freunde, die Freunde der Freunde, Bekannten und deren Bekannte den ganzen Tag so machen:

Die schlagfertige, zauberhafte und begabte Monica Reyes hat statt wie sonst Elektropunk mit ihren beiden Schwestern eine Soloplatte Schmusen gemacht.
Ich verlinke dass jetzt nicht, weil, egal: www.monicareyes.de

Das hier ist vielleicht ein wenig aufwenig in der Beschaffung: Ich (b)in klein. Aber dafür weiss man wie man von hinten aussieht. Vielleicht will man das ja.

Das Bild zum Buch. Wer es sich leisten kann.

Oder was Stoffliches von Rita Zepf.

Eine Schachtel von Frau Hill habe ich mir selbst geschenkt, vor zwei Jahren. Wenn ich gewusst hätte, wie effektiv die ist. Nunja. Christine Hill ist jedenfalls toll. Geht man einfach hin.

Nochmal der Herr Hinrichs. Kann man schon kaufen. Finde ich.
Und von den dort verlinkten Damen und Herren auch.

* Ja, ich höre jetz damit auf.

(Auch für Sie) Gelesen

Süddeutsche: Beim Gemäldeverleihen gibt es meist große Reiberei, da ist ein Museumskurator, der hat einen Studienfreund in Leeds, dem er unbedingt den kleinen Blechen ausleihen muss, dafür bekommt er dann desssen Friedrich, wenn er 2027 die große Romanikerausstellung macht. Sofort grätschen die Restauratoren rein, neinein, der Blechen kann keinesfalls auf Reisen gehen, der ist soo empfindlich, die kleinste Erschütterung usw. Doch. Nein. Doch. Nein. Also was sagt denn der Herr Direktor? Doch. Na gut, dann muss aber ein Restaurator mitreisen. Nein. Doch. Also gut. Zustandsprotokoll, Klimakiste (24 Stunden temperiert), Kunstspedition, parallel zur Fahrtrichtung, Flughafen, rein in den Cargobereich, nein der darf nicht auf den Gabelstapler, ich trage ihn selbst, rein ins Flugzeug, parallel zur Flugrichtung. Dann in GB (Südkorea, Schweden, Kanada, wtf) raus aus dem Flugzeug, dasselbe rückwärts, bis er dann am Nagel hängt. Zustandsprotokoll. Nix passiert, strahlt der Studienfreund. Ojehojeh, wiegt der Restaurator bedenkenvoll sein Haupt, wenn man da genau hinsieht, ojehojeh. Und wenn ich dann das lese. Ojehojeh.

FAZ: Wie viele Tage habe ich auf dem jüdischen Friedhof in Weissensee verbracht, frohe und tränenreiche, allein, zu zweit zu dritt u. zu ganz vielen, mit dem Kind und ohne, habe stundenlang die wundeschönen Namen auf den Grabsteinen studiert (Entenbaum hat den ihren daher), mich verlaufen, den Erdkröten beim Gruppensex zugeschaut, bin erfürchtig in den zerfledderten Mausoleen erstarrt, gemutmaßte Familiengeschichten (von denen sicher viele schrecklich und gänzlich endeten). Ein Wunder, dass es diesen Ort so noch gibt. Nun ängstige ich mich vor der angedrohten (bereits begonnenen) Sanierung. Ojehojeh. Heute Gestern Abend im TV. (Aber es gibt ja Internet?).

Email: Der absolut grossartige Herr Horzon macht nun auch Musik. Mit Peaches.

Freitag: Und vielleicht könnte ich im nächsten Sommer statt nach Island dort hin. Karelien wünsche ich mir schon lange. Wenn jemand mitkommt. Ich würde auch sicher wieder ein paar Steine mitbringen.

Süddeutsche nochma: Dazu sage ich jetzt mal nix. Ausser vielleicht Ojehojeh.

Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden

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Meine Lieblinsfabrik: So wie Ahnungslose sich eine Fabrik vorstellen. Man füllt oben was rein, es macht eine Menge Lärm, Dampf und Rauch, Trommeln drehen sich, Zylinder stampfen und am Ende kommt was Fertiges raus. Das wird dann in Säcke gefüllt. Im Winter steht alles still und es wird nur verkauft.

Einmal im Jahr, meistens im November, reise ich an, die netten Jungs mit den fehlenden Zähnen und den fünf nackten Kalendern im Büro laden mir fünf Stück à 25 Kilo in den Kofferraum (nur wer läd sie aus?), ich zahle ein lächerliches Geld und fahre davon zu meinem Lieblinsrestaurant, um dort noch geschwind ein paar Rehmedallions zu verschlingen. Mit Spätzle. Mehr le als dort gibt es nirgends.

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Chunking Mansions, Hongkong. Irgendwo in der Mitte eines der widerlichsten Hostels ever (und das will was heissen). Dennoch hab ich da ein vergessenes blaues Handtuch mitgenommen, das wohnt noch immer in Kreuzberg , mit australischer Waschanleitung (ja, auf australisch, mit Flagge. Wie heisst denn das Schildchen nun, das kleine weisse?). Dass ich mich da drin nicht so verirrt habe, dass ich verhungert bin, ist ein reines Wunder. Eine ganze abegafackte Kleinstadt in einem Gebäude. Und der Duft. Unvergessen.

Auf Anfrage heute sehr trübsinnige Reise in die Volksrepublik mit Außenbezirken.
(Oder Kein Wunder, dass der Diascanner nix taugt, ist ja auch von einem Kaffeeröster)

Alterserscheinungen

Manchmal hat es ja was für sich, das Älterwerden. Zum Beispiel die Sache mit dem Whisky. Ich fand das schon lange eine grossartige Vorstellung, im moosgrünen Tweeddreiteiler in einem speckigen Clubsessel (der F. hatte so einen) am lodernden Kaminfeuer die vom langen Ausritt schmerzenden Glieder zu wärmen, die schmutzigen Reitstiefel auf dem passenden Hocker, im Aschenbecher das Zigarillo die qualmende Havanna und: ab und zu ein Schlückchen vom goldleuchtenden uralten Single Malt. (Im Hintergrund freundliche Klaviermusik, der Butler reicht das Silbertablett mit den Gurkensandwiches und fragt nach den Abendessenswünschen usw. usf.) Aber er schmeckte mir ja nicht.

Die Zigarilloraucherei hab ich schnell, wegen leidenschaftlicher Proteste meiner Nächsten wieder eingestellt. Der Tweeddreiteiler erwies sich als schwierig in der Beschaffung (bin noch dran), der F. samt Sessel ist fort, die Reitstiefel sind zwar dreckig, wenngleich schon lange unbenutzt und das Kaminfeuer, eine andere Geschichte. Aber der Whisky.

Vielleicht habe ich ja schon mal erwähnt, dass ich in diesem Früjahr in Schottland war. Mit der K.. Die sich ein bisschen auskennt und sogar ein schlaues Fachbuch dabei hatte, das sie erst eine Weile vor mir versteckt hat, bevor sie begann, mir abends daraus vorzulesen. Nie hätte ich gedacht, dass ich mit den merkwürdigen Ortsnamen, die ich vor einiger Zeit hier las, mal was verbinden würde. Wir waren dann auch gar nicht auf Islay, sondern (u.a.) in Oban,

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haben direkt oberhalb der Destillerie (der Schornstein) gewohnt und sie auf den letzten Drücker noch besichtigt (so ungefähr habe ich es verstanden mit dem Torf, der Maische und den gebrauchten Fässern, mein Schottisch ist allerdings so mittel). Und ich hab probiert.

Natürlich waren wir auch in Edinburgh, wo wir ganz wunderbar (ja, Haggis auch) speisten, es gab dort Whisky. Den hab ich probiert. Freundin S. hat mal eine Weile in E. studiert und uns zum abendlichen Absacker ihren Lieblingspub ans Herz gelegt. Zufällig gab es da Whisky. Und da hab ich dann noch mal probiert. Ne, besoffen war ich nicht, dass ist ja immer nur so ein Mäusepipi, aber hingerissen von der GESCHMACKSEXPLOSION. Den Oban, den ich der Greisin mitbrachte, haben wir jedenfalls entgegegn K.s Prognosen in einem Vierteljahr niedergemacht.

Warum ich das alles aufschreibe: Statt des Heissgetränks genoss ich am Samstag Abend in charmanter Gesellschaft einen Lagavulin in der einzigen Bar am Platz. Und das, obwohl ich mich doch in der Singlemalteinöde wähnte. Der Barkeeper erzählte allerdings, dass er zum Jahresende schliesst. Er geht in die Werbung. Ich muss doch nach B., Stoff besorgen.

Ach übrigens, Sie können mich Camilla Montez nennen.