Zusammenstöße

1mai

Es muss im Jahr 95 gewesen sein, auf jeden Fall schon lange her, Walpurgisnacht. Wir waren verabredet am Kollwitzplatz, der A. wohnte dort in einem besetzten Haus, es gab Parties da mit elektrischer Musik und gratis bunte Bonbons in den dunklen Winkeln. Menschen mit breitem Grinsen und stachligen Frisuren. Die Freunde waren vorgegangen, ich hatte mit dem Kommunisten noch schnell den ersten Beelitzer Spargel verspachtelt. Der hatte dann was anderes vor und ich machte mich alleine auf den Weg.

Und geriet arglos bescheuert mittenrein (wird schon nicht so schlimm sein): Tränengas direkt ins Gesicht und Steine um die Ohren. Ein Glück schnell von einem entschlossenen jungen Herrn aus der Schusslinie gezerrt, fand ich mich wieder mit anderen Fassungslosen hinter kaputten Fensterscheiben in einer zertrümmerten Kneipe in der Gas waberte und Wasser stand. Zwischen weinenden Festbesuchern, dicht zusammengedrängt, schutzsuchend. Sah brave Buben, die zu Steinewerfern wurden und fühlte die sich immer weiter aufheizende Stimmung, eine Mischung aus Angst und Aggresivität. Vorallem die Verblüffung, wie schnell aus einem zwangsgelöschten Hexenfeuer ein Aufstand werden kann. Der H. sagte später, nie im Leben hätte er von sich selbst vermutet, er würde jemals Sachen auf Polizisten werfen. Alle warfen irgendwann. Jedenfalls sah es danach aus.

Auf die Party habe ich dann verzichtet. Verklebt, durchnässt, verängstigt mich auf den Nachhauseweg gemacht, vorbei an rauchenden Trümmern. Kein erster Mai mehr für mich von da an. Bin dann immer an die Ostsee gefahren. Oder es gab Spargel mit neuen Kartoffeln auf dem Balkon.

Natürlich ging es da um nix. Trotzdem muss ich beim Bild der Frau im roten Kleid immer dran denken. An Willkür und Schutzlosigkeit.

Ich wünsche den Menschen in der Türkei, dass sie gehört werden. Occupy Gezi!

(Es lebe das Adjektiv)

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