
Das nicht sehr kleine alte Haus, in dem ich mit der Greisin lebe, ist 1937 für eine einzelne Person gebaut worden: Die Frau, die man im Dorf die Waldhauserin nannte, Elisabeth von Walthausen, der Legende nach Hamburger Innenarchitektin.
Eine Ehe, von der sich beide Beteiligten versprachen, zu Geld zu kommen, hat sie wohl nach Süddeutschland verschlagen: Das Arrangement hatte sich rasch erledigt (er sei ein ein Fabrikant gewesen, leider pleite, wie sich bald rausstellte) und mit den letzten Kröten, die ihr nach der Währungsreform 1923 von einem einstmals grossen Vermögen geblieben waren, kaufte sie den Lehenhof, ein großes Gut nicht weit von hier, heute fest in Antroposophischer Hand. Das brannte ab, und für den Erlös der Ruinen schwatze sie unserem nachbarlichen Bauern ein Stück Unland ab, auf dem sie dieses Haus baute. Und legte einen englischen Garten drumherum an, mit Grotte, Mammutbäumen und vielen kleinen lauschigen Plätzchen, an denen man den Fünfuhrtee nehmen kann konnte.
Es gibt auch noch eine schöne Widerstandslegende, die wohl tatsächlich der Wahrheit entspricht: Der Pfarrer des Nachbardorfes hatte zum Kriegsende den Franzosen die Panzersperren geöffnet, die sich aber leider noch einmal zurückzogen. Woraufhin die Nazis den Pfaffen suchten und nicht fanden: Die Waldhauserin hatte ihren alten Freund bei sich versteckt. Ich finde ja die Vorstellung viel schöner, die beiden hatten eine leidenschaftliche Affäre, als die Nummer mit dem spirituellen Seelverwandtschaftsding.

Nach dem Krieg war das Geld engültig alle, sie hatte aber ein paar gute Ideen: Eine Beeren- und eine Deutsche Doggenzucht, beides ausserordentlich einträglich. Sie arbeitete den ganzen Tag im Garten und einmal in der Woche ging sie auf den Markt, um die Früchte dort mehr schlecht als recht zu verkaufen. Als sie eines Tages nicht erschien, suchte man und man fand sie leblos in den Rabatten.
Sie wurde wieder aufgepäppelt, entschied aber, sich von Haus und Grund zu trennen, es fanden sich Käufer, eine wohlhabende Stuttgarter Familie, die ihr sogar das lebenslängliche Wohnrecht einräumte und ein Dienstmädchen finanzierte. Die beide hatten einige wenige gute Jahre, sie starb bald. Keine Ahnung woran, sehr alt wurde sie nicht. Die Stuttgarter nutzten das Anwesen nur zum Ferienmachen, bald hatten sie die Schnauze voll von der vielen Arbeit, die sie erwartete, wenn sie hier ankamen und wollten es wieder loswerden. Es stand dann viele Jahre hier so rum und wurde nicht besser davon.
Der Kindheitstraum meiner Mutter war, wie diese exzentrische Person zu leben, die sie aus deren Besuchen in der Bäckerei kannte, mutterseelenallein mit vielen Tieren, weit ab von allem, dort wo sich keiner einmischt. Letztendlich war es aber mein Vater mit seiner Städternaivität, der sie überredete, das Haus zu kaufen. Der ebenfalls keine Ahnung hatte, wieviel Zeit man hier reinstecken muss. So ist es dann auch geblieben, meine Mutter hat im Garten gerackert und mein Vater ging zum Segeln.
Ich vermute, ich werde auch eine Art Waldhauserin werden, eine komische etwas grosstädtische Person, die hier in grossen Salons mit vielen Tieren lebt und mit der Arbeit nicht rumkommt. Möge man mich in den Rabatten finden, falls es nötig ist.
Dieses Portrait am Anfang ist ungefähr zwei mal drei Meter gross und hägt im Treppenhaus. Einer ihrer Künstlerfreunde hat es gemalt. Ich kann es gut leiden.