Kategorie-Archiv: Liebe

Siracusa

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Auf einmal bemerkte ich, wie sich drei Gestalten in gemusterten Gewändern an den Instrumenten zu schaffen machten. Eine Frau, zwei Männer, einer davon schwarz, aha, dachte ich, der ist sicher aus dem Sudan. Natürlich waren das islamistische Terroristen, das war mir sogleich sonnenklar. Ich erhob mich von meinem Platz, drängelte mich durch die Reihen bis nach vorne und zog den Zündschlüssel ab. Ein Zündschlüssel für einen Düsenflieger. Damit war die Tür entsichert, ich öffnete sie, sprang auf die Landebahn und rannte. Es kam mir überhaupt nicht in den Sinn, die anderen zu retten, nur meinen eigenen Arsch. Erst hinterher, beim Verhör bei der Polizei war ich erschüttert darüber, dass ich die beste Freundin in diesem Flugzeug einfach so zurückgelassen hatte.

Es sieht tatsächlich ein bisschen so aus, als würde ich mit einem mir ziemlich fremden Mann im Mai für eine Woche nach Sizilien reisen. Er behauptet, er könne sich gut vorstellen, im Rahmen eines Vulkanausbruchs gemeinsam mit mir unter einer sieben Meter dicken Schlammlawine begraben zu sein. Wenn das mal nicht vielversprechend ist.

Ach, und mein Silvesterglückskeks übrigen so:
Someone will give you the good things of life.

Palermo

Ein Wechselbad der Gefühle nennt man das wohl.
Hatte ich ganz vergessen. Und bin nicht sicher, ob ich für Schlamassel gewappnet bin. Dann doch lieber mit dem Hund raus.

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Welcome

Und dann frage ich mich, ob mein Beitrag genug ist, weil Esra beim Arzt sagt meine Freundin versteht und hilft mir und stolz auf mich zeigt und weil mich nach dem Urlaub die Kinder umarmen und zwitschern und am liebsten die Sandalen tragen, die ich ihnen mal geschenkt habe.

Weil ich vor keinem Amt helfe, an keinem Bahnhof stehe, weil ich nicht mit einem Boot über das Mittelmeer kreuze. Weil hier nichts genug ist. Und ich nicht darüber schreiben kann. Keine Worte für das.

Aber mir geht das Herz auf. Ich bin gerne Freundin. Und stolz, weil sie in Windeseile Deutsch lernen. Und weil sie wunderbar mit ihren Kindern sind. Und neugierig. Und freundlich.

Weil ich sie so sehr mag. Ein Glück.

Mit und ohne Kopf

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Ich denke, ich werde dem jungen Mann Schautafeln mit Abbildungen erstellen.
Anders wird das ja nix. Jeden Morgen gibt es neue Opfer.

Da steht dann:

KEINE VÖGEL FANGEN!

Falls doch, bitte Kohl-, notfalls Blaumeisen, keinesfalls Kleiber, Rotkehlechen, Hauben-, Schwanz, Wald- oder Sumpfmeisen, Zaunkönige, Goldammern, Dompfaffen, Kernbeisser oder Amseln. Drosseln, Finken, Stare usw. Feldlerchen. Krähen. Raben. Eichelhäher. Rotmilane. Fischreiher. Adler.

Falls es doch passiert, bitte wenigstens ganz essen und nicht nur den Kopp abbeissen und den Rest unter der Küchenbank liegen lassen. Es sollte aber nicht passieren.

Gleichfalls:

Bitte nur Wühl- und Hausmäuse, keine Feld-, Hasel-, Wald- und Spitzmäuse. Keine Bilche, Maulwürfe, Eichhörnchen und Siebenschläfer. Feldhamster.

Keine Fledermäuse. Blindschleichen. Eidechsen. Frösche, Kröten, Unken und Molche.

VERDAMMT NOCHMAL!

Als ich vorgestern das kleinste meiner funkelnagelneuen Kinder in den Kiga gebracht habe sagt die Kindergärtnerin zu mir:

Ach, kennen wir uns nich?
Ja, ich hab ne Weile mit Deinem Mann geschlafen. Aber das war vor der Hochzeit. Also so gut wie.

Hab ich dann doch nicht gesagt, wär ja ein blöder Anfang gewesen.
Muss da ja nun öfter hin.

Der F. hat in einem handschriftlichen Brief mitgeteilt, dass er im April Vater einer Tochter wird. Der Brief war sehr nett. Ich habe das jetzt eine Weile geübt und nun schreibe ich es hierhin: Ich habe diesen Mann irrsinnig geliebt. Er hat mich sehr verletzt und sich unzählige Male dafür entschuldigt. Ich denke, ich kann das demnächst mal gut sein lassen. Zurückschreiben will ich trotzdem nicht. Seit Jahren habe ich mir diesen Moment  ausgemalt. Und jetzt: Ja. Sehr eigenartig. Aber nicht so schlimm.

Insgesamt: Schwere Zeiten. Um mich herum wird viel verrückt geworden. Ich vergrab die Hand in Trotzkis Fell. Irgendwann kommt die Sonne wieder raus.

 

Kurznachrichten

Zweijahreundsiebenmonate. Und wann kann ich endlich aufhören, nachzutragen, verletzt und gekränkt zu sein? Es ist schon lange nicht mehr der Verlust der Person, es ist der Verrat. Den ich als so unvorstellbar und gewaltig empfunden habe und empfinde. Wie hat der Mek neulich wieder so wahr geschrieben: „… Treue bedeutete für mich immer eher sowas wie Loyalität, nicht die körperliche Loyalität, sondern das Helfen, dass man zueinander steht.“. Die Wohnzimmerszene ist mir ewig präsent: Nicht mehr mich liebe er nun, sondern sie. Da könne er keine Rücksicht auf mich nehmen. Ja, das habe ich bald gemerkt. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand mal vergleichbar brutal zu mir war. Nicht einmal der Kommunist.

Aber er hat sich entschuldigt. Und er bemüht sich. Immer wieder und immer noch. Und ich kann nicht verzeihen. Obwohl ich fühle, dass mich das vergiftet. Und ich mir wünschte, ich hätte diesen Teil in mir, der voll ist mit Wut, Aggression und Beleidigtsein endlich wieder frei für andere Dinge.

Ich könnte ihn anlächeln und sagen Ich wünsche Dir alles Gute. Frei.

Liebe

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Während ich so am Küchentisch sitze, das Internet lese und mein Mischgetränk aus fairegehandeltem Biokaffee und regional gemolkener Biokuhmilch zu mir nehme höre ich dem Rumpeln in meinem Bauch zu. Es macht ordentlich Krach und bestimmt entstehen hier jede Menge gefährlicher Giftgase.

Und ich lächle und freue mich über die durch und durch empfehlenswerte Linkliste von Herrn Buddenbohm (besonders natürlich das hier, das mir zutiefst aus der Seele spricht), die diesen Morgen gleich deutlich erfreulicher (HOW TO SHARPEN PENCILS!) macht als den gestrigen. Um den Lärm zu übertönen denke ich ein bisschen an den Splatterregisseur (und meine vergebliche Verliebtheit), der mir Anfang der Neunziger erzählte, auf einer seiner vielen Fernreisen habe er sich einen exotischen Virus eingefangen, wie das Berliner Tropeninstitut nach einer langen Kette diagnostischer Fehlschläge (und schmerzhafter Beschwerden) feststellte und ihm empfahl, fürderhin auf den Verzehr von Weißmehl zu verzichten. Wie ich ihn mit großen Augen anstarrte, voll tiefstem Mitleid über eine solche Zumutung. Und mich in den Jahren darauf arglos freute, daß in den Einkaufsläden (Superwort, oder?) meines Vertrauens immer mehr Produkte für den armen Regisseur feilgeboten wurden. Irgendwann schwappten auch andere, echte und unechte Unverträglichkeiten in meine Abendessenseinladungen, denen ich devot aber zähnknirschend Rechnung trug.

Erstens würde ich mir niemals etwas zulegen, was alle haben und zweitens finde ich das Gerumpel nicht weiter beachtenswert, da es sich spätestens gegen elf ausgerumpelt hat. Ja, steht ja auch in dem Artikel, natürlich gibt es auch Menschen, die was wirklich nicht vertragen. Soll es geben.

Apropos, nach ein zwei Jahren mit dem F. war ich der Meinung, er liebe mich nicht in dem Ausmaß, wie das nötig sei (so war es!) und beschloss in meinem jugendlichen Leichtsinn, das Verlassen ginge am besten, wenn es dafür einen weiteren triftigen Grund gebe. So befragte ich das Internet und hatte den ersten und letzten Chat meines Lebens, mit einer seltsamen Mangafigur. Die sich als Journalist mit allerhand Vorzügen entpuppte. Na also. Ich teilte dem F. nach einer angemessenen Zeit des Überprüfens mit, ich würde ihn nun verlassen, es gebe einen anderen, und schwupps, weg war ich (naja, das ist hier die extrem geschönte und gekürzte Fassung). Die Sache mit dem Journalisten war kompliziert, mein Herz gehörte ja dem F., das des Journalisten lag bald in Scherben und nach einer Weile war alles wieder bei alten.

Aber was ich eigentlich sagen wollte (und was so eine kleine LAKTOSEUNVERTÄGLICHKEIT alles in der Lage ist auszulösen), unlängst erreichte mich eine Mail des Journalisten (wir trafen uns noch häufiger und gingen immer im Unguten auseinander): Du wirst nie darauf kommen, wo ich Dich entdeckt habe. Und ich: Schweißausbruch. Das schöne geheime Blog. Ojeheojeh, steht da was gehässiges über ihn? Ne, er hat eine Kritik über einen Splatterfilm eines Regisseurs geschrieben und bei der Recherche stieß er auf meinen Namen in dessen Krakenfreundesliste. Na sagemal. So viele Worte für so eine dünne Pointe. Ts. Schuldigung. Und jetz flecht‘ ich einen Adventskranz, die Greisin kommt morgen heim. Jippieeeeee!

Spät dran

reflexe
[… ]
Möchte ich bei Dir sein
Zeigst mir das Land wo wir gehn
Von See zu See da braucht es
Ein langes glückliches Leben
Die Fische sind zwei
Die Vögel baun Nester wir
Stehn auf dem selben Blatt
© Sarah Kirsch

Hat mich oft getröstet. Machs gut.

Hut, Alter

Nicht zu verstehen. Es heisst nicht, als ich das Haus verliess, morgens, an dem Tage, als der Alte starb, nach langer Krankheit, und ich von Dir verlassen wurde, diesmal für immer, an diesem verdammten Tag, dessen morgendliches Zwielicht an meiner Stirn kondensierte, als sei ich ein Küchenfenster. Hinausgejagt in die Frühstückshölle.

Nicht das Nachmittagsgeplänkel, Herr von Krassow, küss die Hand, Gnädigste, ein Freund des Hauses, ein Freund des Hausfreundes, um mich auf dem Rücksitz seines lächerlichen Sportwagens zu vernaschen. Nicht der dreiteilige Anzug, dessen Jackett an den Schultern spannte, die Sommersprossen, die Entscheidung zur stationären Behandlung im Grünen mit Seesicht, auch nicht die dicken gelben Kirschen, die abgelutschten Kirschkerne, mit denen wir uns bespuckten, die Beschimpfungen die folgten, bis hin zur Handgreiflichkeit. Und ernsteren Verletzungen.

Nicht zu verstehen. Es sei der Tag gewesen, sagst Du, an dem es anders roch im Treppenhaus. Als sonst.

Mal wieder was gesucht. Das gefunden. Passt für heut.

Starke Böen

Wie gehts frag ich arglos, von der Erkältung wissend, und höre von Trennung, von Auszug und davon, dass sie kurz darauf die Mutter tot in deren Badewanne fand. Ach sag ich, denn im Trösten bin ich nicht besonders, dann komm bald (im Päppeln eher). Ja sagt sie und schluchzt ein bisschen, aber Päppeln habe sie nicht nötig, sie sei Maschinenbauingeneurin, sie schaffe alles ganz alleine, schluchzt sie, aber segeln, das wär was.

peter02
Montez Senior und seine Geliebte

Ja sag ich. Segeln, das ist gut. Und höre gleich die Greisin im inneren Ohr, die findet, wir sollten wir das alte Ding mal endlich abschaffen, und mich, neeeeiiin, bestimmt kommt bald ein Prinz und freit mich und meinen ganzen alten Plunder, ein Segler, Boostbauer (aus Holz und immer undicht), einer der Zaunpfähle einschlägt und mir manchmal auf die Finger (usw.), ein Bauer, ein Pianist und Bücherschreiber, lauter sowas.

Ja, das ist gut, der alte Montez würd sich freuen, wenn er wüsste, zwei Damen segeln und sehen hübsch aus und können alles ganz allein (da wäre er ungläubig). Und dann schluchzt sie noch ein bisschen und ich nicke. Machen wir. Hat doch alles seinen Sinn (die Greisin freut sich auch).