Kategorie-Archiv: Liebe

Kurznachrichten

Zweijahreundsiebenmonate. Und wann kann ich endlich aufhören, nachzutragen, verletzt und gekränkt zu sein? Es ist schon lange nicht mehr der Verlust der Person, es ist der Verrat. Den ich als so unvorstellbar und gewaltig empfunden habe und empfinde. Wie hat der Mek neulich wieder so wahr geschrieben: „… Treue bedeutete für mich immer eher sowas wie Loyalität, nicht die körperliche Loyalität, sondern das Helfen, dass man zueinander steht.“. Die Wohnzimmerszene ist mir ewig präsent: Nicht mehr mich liebe er nun, sondern sie. Da könne er keine Rücksicht auf mich nehmen. Ja, das habe ich bald gemerkt. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand mal vergleichbar brutal zu mir war. Nicht einmal der Kommunist.

Aber er hat sich entschuldigt. Und er bemüht sich. Immer wieder und immer noch. Und ich kann nicht verzeihen. Obwohl ich fühle, dass mich das vergiftet. Und ich mir wünschte, ich hätte diesen Teil in mir, der voll ist mit Wut, Aggression und Beleidigtsein endlich wieder frei für andere Dinge.

Ich könnte ihn anlächeln und sagen Ich wünsche Dir alles Gute. Frei.

Liebe

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Während ich so am Küchentisch sitze, das Internet lese und mein Mischgetränk aus fairegehandeltem Biokaffee und regional gemolkener Biokuhmilch zu mir nehme höre ich dem Rumpeln in meinem Bauch zu. Es macht ordentlich Krach und bestimmt entstehen hier jede Menge gefährlicher Giftgase.

Und ich lächle und freue mich über die durch und durch empfehlenswerte Linkliste von Herrn Buddenbohm (besonders natürlich das hier, das mir zutiefst aus der Seele spricht), die diesen Morgen gleich deutlich erfreulicher (HOW TO SHARPEN PENCILS!) macht als den gestrigen. Um den Lärm zu übertönen denke ich ein bisschen an den Splatterregisseur (und meine vergebliche Verliebtheit), der mir Anfang der Neunziger erzählte, auf einer seiner vielen Fernreisen habe er sich einen exotischen Virus eingefangen, wie das Berliner Tropeninstitut nach einer langen Kette diagnostischer Fehlschläge (und schmerzhafter Beschwerden) feststellte und ihm empfahl, fürderhin auf den Verzehr von Weißmehl zu verzichten. Wie ich ihn mit großen Augen anstarrte, voll tiefstem Mitleid über eine solche Zumutung. Und mich in den Jahren darauf arglos freute, daß in den Einkaufsläden (Superwort, oder?) meines Vertrauens immer mehr Produkte für den armen Regisseur feilgeboten wurden. Irgendwann schwappten auch andere, echte und unechte Unverträglichkeiten in meine Abendessenseinladungen, denen ich devot aber zähnknirschend Rechnung trug.

Erstens würde ich mir niemals etwas zulegen, was alle haben und zweitens finde ich das Gerumpel nicht weiter beachtenswert, da es sich spätestens gegen elf ausgerumpelt hat. Ja, steht ja auch in dem Artikel, natürlich gibt es auch Menschen, die was wirklich nicht vertragen. Soll es geben.

Apropos, nach ein zwei Jahren mit dem F. war ich der Meinung, er liebe mich nicht in dem Ausmaß, wie das nötig sei (so war es!) und beschloss in meinem jugendlichen Leichtsinn, das Verlassen ginge am besten, wenn es dafür einen weiteren triftigen Grund gebe. So befragte ich das Internet und hatte den ersten und letzten Chat meines Lebens, mit einer seltsamen Mangafigur. Die sich als Journalist mit allerhand Vorzügen entpuppte. Na also. Ich teilte dem F. nach einer angemessenen Zeit des Überprüfens mit, ich würde ihn nun verlassen, es gebe einen anderen, und schwupps, weg war ich (naja, das ist hier die extrem geschönte und gekürzte Fassung). Die Sache mit dem Journalisten war kompliziert, mein Herz gehörte ja dem F., das des Journalisten lag bald in Scherben und nach einer Weile war alles wieder bei alten.

Aber was ich eigentlich sagen wollte (und was so eine kleine LAKTOSEUNVERTÄGLICHKEIT alles in der Lage ist auszulösen), unlängst erreichte mich eine Mail des Journalisten (wir trafen uns noch häufiger und gingen immer im Unguten auseinander): Du wirst nie darauf kommen, wo ich Dich entdeckt habe. Und ich: Schweißausbruch. Das schöne geheime Blog. Ojeheojeh, steht da was gehässiges über ihn? Ne, er hat eine Kritik über einen Splatterfilm eines Regisseurs geschrieben und bei der Recherche stieß er auf meinen Namen in dessen Krakenfreundesliste. Na sagemal. So viele Worte für so eine dünne Pointe. Ts. Schuldigung. Und jetz flecht‘ ich einen Adventskranz, die Greisin kommt morgen heim. Jippieeeeee!

Spät dran

reflexe
[… ]
Möchte ich bei Dir sein
Zeigst mir das Land wo wir gehn
Von See zu See da braucht es
Ein langes glückliches Leben
Die Fische sind zwei
Die Vögel baun Nester wir
Stehn auf dem selben Blatt
© Sarah Kirsch

Hat mich oft getröstet. Machs gut.

Hut, Alter

Nicht zu verstehen. Es heisst nicht, als ich das Haus verliess, morgens, an dem Tage, als der Alte starb, nach langer Krankheit, und ich von Dir verlassen wurde, diesmal für immer, an diesem verdammten Tag, dessen morgendliches Zwielicht an meiner Stirn kondensierte, als sei ich ein Küchenfenster. Hinausgejagt in die Frühstückshölle.

Nicht das Nachmittagsgeplänkel, Herr von Krassow, küss die Hand, Gnädigste, ein Freund des Hauses, ein Freund des Hausfreundes, um mich auf dem Rücksitz seines lächerlichen Sportwagens zu vernaschen. Nicht der dreiteilige Anzug, dessen Jackett an den Schultern spannte, die Sommersprossen, die Entscheidung zur stationären Behandlung im Grünen mit Seesicht, auch nicht die dicken gelben Kirschen, die abgelutschten Kirschkerne, mit denen wir uns bespuckten, die Beschimpfungen die folgten, bis hin zur Handgreiflichkeit. Und ernsteren Verletzungen.

Nicht zu verstehen. Es sei der Tag gewesen, sagst Du, an dem es anders roch im Treppenhaus. Als sonst.

Mal wieder was gesucht. Das gefunden. Passt für heut.

Starke Böen

Wie gehts frag ich arglos, von der Erkältung wissend, und höre von Trennung, von Auszug und davon, dass sie kurz darauf die Mutter tot in deren Badewanne fand. Ach sag ich, denn im Trösten bin ich nicht besonders, dann komm bald (im Päppeln eher). Ja sagt sie und schluchzt ein bisschen, aber Päppeln habe sie nicht nötig, sie sei Maschinenbauingeneurin, sie schaffe alles ganz alleine, schluchzt sie, aber segeln, das wär was.

peter02
Montez Senior und seine Geliebte

Ja sag ich. Segeln, das ist gut. Und höre gleich die Greisin im inneren Ohr, die findet, wir sollten wir das alte Ding mal endlich abschaffen, und mich, neeeeiiin, bestimmt kommt bald ein Prinz und freit mich und meinen ganzen alten Plunder, ein Segler, Boostbauer (aus Holz und immer undicht), einer der Zaunpfähle einschlägt und mir manchmal auf die Finger (usw.), ein Bauer, ein Pianist und Bücherschreiber, lauter sowas.

Ja, das ist gut, der alte Montez würd sich freuen, wenn er wüsste, zwei Damen segeln und sehen hübsch aus und können alles ganz allein (da wäre er ungläubig). Und dann schluchzt sie noch ein bisschen und ich nicke. Machen wir. Hat doch alles seinen Sinn (die Greisin freut sich auch).

Und in nächtlichen Träumen immer noch den falschen Mann zu küssen.
Ist das denn zu fassen? (Nein, das ist das Fieber).

Baden

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Lauwarme Duschen statt heisser Quellen. Spielt keine Rolle mehr. In der Bar des vergangenen Grand Hotels auf wankenden Barhockern, der Versuch ein bisschen Wärme mitzunehmen, Wodka für innen, Zentralheizung für aussen. Ein Klo mit Brille, sauber genug zum Draufsitzen, alles ist besser als die Rinne, in der alles sichtbar fliesst, was von denen weiter hinten kommt. Wer will so was wissen. Runter zum Rest vom Fluss, meine Hand in deiner Manteltasche, klamme Finger, die andere eisig die Zigarette haltend, dem Rauch nachsehen zum Berg hin und sich erinnern. Kein Satz mit aber, mit immer. Oder vielleicht nicht beide zusammen. Gar kein Satz. Essen statt Lieben, Ente, das magst Du doch, ohne Knochen, fünfzehn Quadratmeter, Bier auf Wodka, die Beleuchtung, Aschelicht sagst Du, passt. Unsicheres Gestolper, die Seile sind brüchig wie die Planken morsch und ich fange an zu schaukeln in der Brückenmitte, nicht nach unten schauen, das alte Programm.

Fünf kleine Kerzen, mehr gab es nicht zu kaufen, Plastikschüsseln voll mit heissem Wasser. Zum Schlafen alle Kleider angelassen, mit Kapuze. Der Morgen im Nebel. Heiliger Berg.

Schwimmen

ampool

Wir hatten den Montag verloren, einfach verloren in der Kälte zwischen den Müllhaufen am Strassenrand und den Schlaglöchern, in die der Bus fiel, um uns zu wach zu halten. Den vom Unrat unsichtbaren Flüssen, die nicht mehr fliessen können. Es war nichts, wie wir es uns vorgestellt hatten, und das letzte Lachen blieb uns im Halse stecken, während ich zusah, wie wir herumtrampelten und den Rest Zauberei planierten, dachte mir, dem Erdboden gleichmachen, dann ist endlich Ruhe. Wir werden das vergessen, mein Herz, die Kälte, den Lärm, das wird sicher eine Partyerinnerung, kein weisst du noch für uns, denn ich werde nicht hören, wenn du davon erzählst. Von den dunkelroten Samtvorhängen über der Heizung, der bollernden, den Ranken wilden Weins, die in das geöffnete Fenster wehten, während wir unsere Stricke knüpften. Dem Mann, der die Wäschebündel so trug, wie man hier schon vor tausend Jahren etwas trug, eines links, eines rechts, geknotet an eine Stange über der Schulter. Ich werde nicht sehen, wenn Du einen Schluck aus deinem Glas nimmst, die Mundwinkel lässig herunterziehst bevor Du weiter sprichst, nach einem tiefen Räuspern.

Klopft leise auf den Tisch, nur mit den Fingerkuppen, oder schiebt die Asche zusammen, im Aschenbecher zu einem Kreis. Gute Choreographie, wie immer, eben ein Mann von Welt.