Kategorie-Archiv: Wehwehchen

Uff

Was für ein trostloses Kaff. Einziger, alles überstrahlender Lichtblick: Die leisen Fortschritte der Greisin, die von allen gelobt wird. Von mir auch, allerdings mit Ausmecker zwischendurch, weil sie zu wenig aufsteht, das soll sie doch, nur bisschen (verstehn tu ich es ja).

Hier jedenfalls ist mir wieder eingefallen, wie Deutschland ist. Hatte ich vergessen. Und freue mich, dass ich da leben kann wo ich lebe. Im Wald und ab und zu in der großen dreckigen Stadt. Weit weg von Vor- und Kurgärten, rüschigen Tortencafés, Tütensosse und Gartenzwergen. Von Halbgardinen (heißen die so?), Maultaschen und Filterkaffee, Aquarellauststellungen und Hörgeräteshops. Aber schlimm kann ich das gerade auch nicht finden. Nur hätte ich gerne ein kleines Refugium. Mit Sojachailatte. Ne, quatsch. Mit ordentlichen Kaffee und einer anständigen Zeitung. Ein paar Gesunde sehen. Junge.

Sie macht sich gut. Und ich bin so froh. Ach. Beruhigt noch nicht.

Das ist mein Abendprogramm:
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Hier gibt es den Pulverwein auch in rot und rosa! Und vorallem in kleinen Flaschen. Sehr praktisch.

Und die wenigen Restgedanken sind auf den Philippinen. Und im Jahr 1938. Ach.

Impressionen

Während ich hier in der Warteschleife hänge, mache ich mir so meine Gedanken. Am liebsten solche, die nichts mit aufgesägten Brustkörben und dergleichen zu tun haben. Zum Beispiel wie man so leben will. Ist ja modern.

Und ich kriege Atemnot, wenn ich des morgens auf dem Weg zur Klinik dieses Einfamilienhausparadies durchmesse. Nicht wegen meiner Eile. Jedem sein kleines Glück, klaro. Aber bevor ich so wohnen würde, lieber wieder Parterre in Moabit. Oder Souterrain in Eimsbüttel.

Niemals. Nichtmal in einem Dorf. Nichtmal am Rand. Ein Glück, dass ich nicht muss. Was für ein Privileg.

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Ich bin übrigens selbst bezaubernd untergebracht. Und ein unglaublicher Snob. Jaja.

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Sei’s drum. Morgen zwinge ich die Mutter noch ins ortsansässige Sternerstaurant, wo ich beim letzten Mal auch allerliebst gewohnt habe (ist leider ausgebucht). Wir machen die unvermeidlichen blöden Witze. Ich vermute, sie geht mir zuliebe. Am Montag um acht ist es soweit.

Update

Mein Wunsch ging also in Erfüllung. Da sieht man mal wieder, dass man etwas sauberer wünschen sollte. Ich nehme eine leidlich wiederhergestellte Person nachher mit heim, OP-Termin erst in zwei Wochen. Dann also von vorne gezittert. Achdujeh. Trotzdem schön. Irgendwie. Und jetzt bitte bis dahin keine Zwischenfälle, ja? Das ist doch ein ordentlicher Wunsch.

Tschuldigung, so ein Hin und Her. Ach.

Juhu!

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Viel besser! Wie zermürbend das war: Mit Kopfschmerzen schlafen gehen, mit Kopfschmerzen aufwachen. Irgendwann nicht mehr mit Kopfschmerzen arbeiten, spazieren, gar nix mehr können. Nach zehn Tagen Dickköpfigkeit hab ich mich dann echt mal ins Bett gelegt, und siehe da.

Und die vielen guten Wünsche. Und Blumen habe ich bekommen, mit der Post. Man sollte wirklich mehr jammern und weniger die Zähne zusammenbeißen. Wie wunderbar, wenn nix mehr weh tut. Naja, fast nix.

Aua

Borreliose oder FSME oder Wetter oder Dauermigräne oder Hysterie, das ist nun die Frage. Am Mittwoch wissen wir mehr (ICH war sogar beim Arzt, das will was heißen). Bis dahin bleibt es hier still. Mit Eisbeutel aufm Kopf.

Schwanken

Als ich vor ein paar Tagen etwas ungelenk durch das Provençalische Hinterland kletterte, befiehlen mich wieder einmal Demut und Dankbarkeit. Und die Erinnerungen an das Jahr 2003. An einen Sommer voller Tränen und die Gewissheit, dass mein Leben nun zu Ende sei. Keine Reisen mehr, keine Spaziergänge, keine Freude, keine Zukunft.

Ein knappes Jahr habe ich kaum von der Diagnose erzählt. Irgendwann fand ich, ich müsse meinen Freunden erklären, was mich so verändert hatte. Gesehen hat man nämlich nichts. Oder nur, wenn man ganz genau hinschaute. Jemand, der es sehr gut mit mir meint, hat bisher dafür gesorgt, dass ich zwar nicht mehr so richtig geradeauslaufen kann und mich beim Abstieg auf steinigen Wegen schneckenflink bewege, ABER ICH BEWEGE MICH, selbständig! Ich empfinde das als ganz großes Geschenk. Immer wieder. Seit zehn Jahren.

Der Sinn meines Lebens

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war früher etwas, über das ich nachgedacht habe. Als mir die geschätzte Nachbarin neulich erzählte, wie sehr sie damit befasst ist (woraufhin ich ihr, mal wieder ziemlich taktlos, diesen Link schickte), fiel mir auf, dass das überhaupt keine relevante Frage mehr in meinem Leben ist.

Vor der Diagnose habe ich viel Zeit damit zugebracht, darüber nachzudenken, wie grossartig alles wäre, wenn es nur anders wäre. Und darüber in einem Ausmass unglücklich zusein, welches mir heute völlig unnachvollziehbar ist. Anderen die Schuld dafür zugeben, dass es nicht so war wie es sein sollte. Nach vorne hadern haben wir das mal getauft. Nach hinten hadern gab es aber auch genug. So war ich ebenfalls darüber unglücklich, wie viele falsche Entscheidungen ich in meinem Leben getroffen hatte, insbesondere, was die Männer angeht. Tiefe Liebe und freundliche Absichten nicht erkannt oder verabscheut, Gefühle verletzt oder nicht zur Kenntnis genommen zu haben, zugunsten von unberechenbaren Grobianen usw. usf.

Dann kam der Tag 0.

Danach habe ich viel Zeit damit verbracht, mir auszumalen, wie schlimm alles kommen kann. Was ich alles nicht mehr können werde. Von was mich die Krankheit alles abhalten wird. Dabei hatte ich mich selbst viele Jahre abgehalten, lange vor der Krankheit. Dann habe ich begonnen, sie zu benutzen, wenn ich etwas nicht tun wollte. Meine schlauen Freunde haben das natürlich bemerkt und sich geärgert. Meinem Körper habe ich sein Versagen übelgenommen, und mich selbst als grundlegend beschädigt empfunden.

Irgendwann habe ich mich gefragt, warum ich mich eigentlich so wichtig nehme. Und entschieden, der Sinn dieser ganzen Angelegenheit müsse wohl eher ausserhalb meines Seins liegen. Dann kam der Tag 0,5, die Trennung vom F.

Und in dieser Phase der sehr schmerzvollen Ablösung begann ich mich zu freuen (ja, genau so), ungefähr wie der einfältige Hund. Mich zu freuen, dass ich noch auf einen Berg steigen kann. Mich zu freuen, dass meine Freunde mich lieben und für mich da sind. Mich zu freuen, dass die Mutter so blöde Witze macht. Achtung! Vor Ergriffenheit über die Schönheit der schottischen Küste zu heulen. Überhaupt, mich ergreifen zu lassen. Manchmal wage ich zu hoffen, ich sei endlich im Jetzt angekommen. Und zu der geschätzten Nachbarin hab ich gesagt, ach der Sinn des Lebens, der wär‘ mir Wurscht, ich hätte einfach Freude am Sein. Jawohl.

Und jetzt wenden wir uns wieder den ernsthaften Dingen zu.

Die Pest (oder wars die Cholera?)

Mit 32 bekam ich eine unheilbare Krankheit. Die Diagnose war sehr langwierig („Wir wollen halt alles andere ausschließen“), eine Woche statt in der Neuro wegen Platzmangels auf der Krebstation, das hat mir den Rest gegeben. Und nachdem in tausendvierhundert Tests alles andere ausgeschlossen war, hatte ich also die manifestierte Autoimmunerkrankung und eine Erschöpfungsdepression, das, was man heute einen Burn-Out nennt.

Als ich wieder ein bisschen denken konnte, kaufte ich mir ein paar bescheuerte Bücher über Wunderheilung und begann, zu Frau Fischer zu gehen. Bei Frau Fischer vergoss ich viele Tränen und bald bemerkten wir, dass sie nicht der Krankheit galten, sondern meist dem F., der mit der ganzen Sache völlig überfordert war.

Wir aber machten unsere Sache ganz gut, Frau Fischer und ich, nach einem guten Jahr wurde ich als stabilisiert entlassen und heulte wieder privat. Und gewöhnte mich langsam an das neue Leben. Das dann irgendwann gar nicht mehr sooo anders war. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich wieder mit so profanen Dingen wie einem Pickel am Kinn beschäftigen könnte. Kann ich aber. Und es gibt Tage, da vergesse ich sie einfach. Weil sie brav ist und still hält.

Aber seit vorgestern meldet sie sich. Sie macht das sehr zart, kleiner kalter Fleck am Ellenbogen, ein bisschen Kribbeln im Fuss. Irrlichtert so herum. Hoffen Sie mit mir, dass es so bleibt. Ich bin auch wieder demütiger, versprochen.