Der Nachlass von Theodor Sebald

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Ich bin in der neuen Wohnung der schönen Neuköllnerin und nebenan schreit Gustav wieder sehr laut. Ich brülle rüber, die sollen mal besser auf ihr Kind achten und der blöde blonde Vater kommt sofort auf den Balkon geschossen und beginnt mich zu beschimpfen. Als er wieder weg ist, hat die schöne Neuköllnerin die Idee, den stillgelegten, sehr kunstvoll mit rotem Marmor und Stuck verzierten Kamin wieder in Betrieb zu nehmen. Wir entfernen die Abdeckung, und dahinter ist eine orangene etwas abgeschabte Metallkiste.

Sie geht leicht auf, es ist kein Schloss dran, nur ein über eine Lasche gezogener Bügel, und wir finden darin in Formalin eingelegte kleine Skulpturen und Kohlezeichnungen (auch eingelegt). Natürlich wissen wir sofort, dass das der Nachlass von Theodor Sebald ist, einem tschechischen Künstler, der an der Hochschule in Weissensee studiert hat.

Dann habe ich noch Ostsee und Verwalter notiert, ich fand das sonnenklar, dass ich mich heute morgen noch erinnere, was es damit auf sich hat. Überhaupt war das kausal alles völlig logisch heute nacht, auch noch nach dem kurzen Erwachen während des Notats, die Sache mit Gustav und seinem blöden Vater stand in engem Zusammenhang mit der Entdeckung der Kunstwerke. Lässt sich wohl nicht mehr rekonstruieren. Theodor Sebald hat ein Buch über biologische Chemie geschrieben. Sagt das Internet.

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© J. Hümme, Ostholsteinmuseum, Eutin

Vor ein paar Tagen war ich hier in der Kleinstadt zur Eröffnung einer Armin Müller-Stahl Malereiausstellung eingeladen. Bin nicht hin. Mag noch immer nirgends hingehen, also fast nirgends (überhaupt, kann der malen?). Dennoch hat mich die Einladung ein bisschen vergnügt gemacht: Vor einer ganzen Reihe von Jahren habe ich einmal die Gestaltung einer grosskopfeten Konferenz gemacht. Kofi war da, Angela und Heidemarie und lauter andere wichtige Leute aus dem Fernseher.

Das war sehr aufregend und ich war sehr jung (im Vergleich zu gerade). Die Sause fand im Interkonti in Berlin statt, und nachdem ich da den ganzen Tag herumgehastet war, um alles noch einmal zu kontrollieren war ich mit dem L. verabredet. Das war bevor er überall auf der Strasse erkannt wurde. Seitdem ist das ziemlich anstrengend. Kommt auch sowieso nicht mehr oft vor, also das Verabreden.

Komm sagt der L. wir gehn ins Brel (hö). Jau sag ich Moules frites, immer. Der holt mich dann am Hotel I. ab und wir gehen ins Brel. Es gibt nur einen einzigen kleinen Tisch direkt neben der Tür. Macht nix. Sach mal sag ich zum L. Ist das nicht Armin Müller-Stahl da hinten mit seiner Frau? Er dreht sich, weil er mit dem Rücken zum Lokal sitzt. Ja isser, glaubt er auch. Wir trinken und essen und trinken und ich lächle Armin zu und Armin lächelt mir zu und wir trinken und der L. macht Spässchen und ich entspanne mich endlich und lächle zu Armin und lache über den L., der ja sehr komisch ist und wir trinken. Und der Armin lächelt mir zu. Irgendwann stehn der Armin und seine Frau auf und gehen an unserm Tisch vorbei raus ausm Lokal und der Armin sagt Auf Wiedersehen, schöne Frau, ich wünsche Ihnen noch einen wunderbaren Abend zu mir. Und der L. fällt fast vom Stuhl und ich lächle den Armin nochmal an. Und dann isser weg. Und der L. fasst sich wieder und wir trinken noch einen und dann hat der Abend noch ein etwas unrühmliches Ende gefunden, aber darüber soll hier geschwiegen werden.

Und das fiel mir ein, als diese Karte kam. Und ich hab mich noch einmal gefreut.

Und der F. hat heute Geburtstag.

Hilf

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Der Trotzki und ich haben heute eine Wallfahrt gemacht. So ein Schmarrn findet der Trotzki (naturgemäss) . Papperlapapp, es bleibt nix unversucht, ich bin schliesslich die Bestimmerin finde ich. Und hab natürlich vom Wunderwasser getrunken.

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Der Hinweg war gar nicht so übel, auf dem Rückweg hat mich glücklicherweise sonst keiner gesehen. Das ist schon zum Heulen und Zähneklappern. Ganz bang wird mir, wenn ich an all die Reisen denke, die ich noch machen muss. Überhaupt. Was alles.

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Und, ja klar, es ginge schlechter. Nur, wenn man so darüber nachdenkt, eigentlich geht es ja immer schlechter, oder? Aber ich bin demütig. Eine echte Herausforderung allerdings sind mir die gutgemeinte Ratschläge: Angefangen mit der Greisin (apropos Wallfahrt) Du weisst doch, diese Frau in Lourdes, die da im eiskalten Wasser gebadet hat, die war dann geheilt. Eiskaltes Wasser. Ansonsten: Hometrainer. Heileurytmie. Makrobiotisch. Oder Bestimmt nur das Alter, ich fühle mich auch manchmal ganz erschöpft. Und ich zähle dann bis zehn. Und manchmal lächle ich. Milde. Und weisst Du, der Dings, der hat Krebs, AIDS, einen Schlaganfall gehabt. Ja. Der Arme. Ganz wirklich. Ich wünsche ihm alles Gute. Mir auch.

Am anderen Ende

Ok. Ist ja bekannt: Das Einzige, das meines Erachtens helfen kann, ist Schönheit und Freude. Also das Notwenige mit dem Angenehmen verbunden und zum Lieblingsrestaurant gereist. Schönheit und Freude heisst ja in meinem Fall nicht unerheblich: Essen. Und Wasser. Super.
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Das Letzte

1. Tag

Früh morgens. Komme runter in die kalte Küche, nachdem ich ab 6 Uhr Korrekturen in der Mikrofinanzierungsbroschüre gemacht habe. Die Greisin sitzt käsig am Tisch. Kein Feuer? Schwindlig sei ihr, sagt sie, und sie sehe alles doppelt. Noch vor dem Frühstück über den Hausarztumweg in die Klinik. Ihr ist bald besser.

Da war Qualm in der Küche, hab versucht noch schnell ein Feuer zu machen, Tür aufgelassen, sind ja gleich zurück. Von wegen.

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Als ich heimkomme: Bombeneinschlag. Die fette weisse Heimsuchung hat den Tisch abgeräumt. Tomaten. Brot. Rote Betehummus. Zum Schluss noch das rosa Maul sorgfältig an der Tischdecke abgewischt. Auf dem Rausweg: Hundetrockenfutter, Katzentrockenfutter, Vogelfutter, Linsen. Bitte keine Kolik, das fehlt noch …

Ausser einer kaputten leeren Bierflasche nur Chaosschäden. Ich muss trotz allem sehr lachen.

Abends Pizza und Rotwein mit den Guten. Sehr erschöpft. Racletteverabredung für den nächsten Abend.

2. Tag

Die Greisin hängt noch immer an summenden Maschinen, ist aber ganz fidel. Ich hab den Hund im Auto, will noch ein paar Schritte gehen, schöne Gegend hier. Komisch, seit wann ist hier ein Berg? Gut, dass da ne Bank steht.

Absage Essensverabredung wegen Erschöpfung.

3. Tag

Greisin auf Normalstation verlegt, ist fröhlich. Ich wacklig.

Abends bequatscht von der ganzen Mannschaft Sternerestaurant in KN, hänge an Bubis Arm. Essen schmeckt.

4. Tag

Greisin darf heim. Ich schwanke. Viel Bett.

5. Tag

Viel Bett.

6. Tag

Mit der Greisin zum Arzt. Icke direkte Einweisung.

7. Tag

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Statt nach Thüringen und Berlin reise ich nach Allensbach. Am selben Tag noch 1000 mg Cortison intravenös.

8. Tag

1000 mg Cortison intravenös. Decke anglotzen. Reicht.

9.Tag

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1000 mg Cortison intravenös. Kann einigermassen geradeauslaufen. Finde, ein Ausflg ins Dorf sei angebracht, wegen Sahnetorte. Auf dem Weg Blümchen gepflückt, was ins Auge bekommen, grosse Aufregung ausgelöst. Mit dem Taxi zurück. Ja, eigentlich weiss das die Chefbotanikerin, dass Wolfsmilch giftig ist. War wohl mit den Gedanken woanders …

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10. Tag

1000 mg Cortison intravenös. Schlapp. Besuch. Schön.

11. Tag

Heim. Wie sehr ich meinen Lebensplan ohne diese beschissenen Krankheit gemacht habe. Die Trotzkirunde geht mit Ach und Krach. Hey, das ist doch was.

12. Tag.

Heute. Jaja. Geht schon. Das muss wieder werden, bitteschön! Ja?