Archiv des Autors: montez

Prenzlauer Promenade

Heute Nacht vom Entenbaum geträumt. Ich sollte dringend anrufen.

Aufgewacht mit den Gedanken in Weissensee, in diesem kalten Atelier zum Mappenvorbereitungskurs mit R., unserm Lehrer, wieder ein Verrückter, ein Kopierkünstler.

Die Zeit des Frierens, frieren in diversen Wohnungen mit schlechten Öfen, frieren in den feuchtkalten Katakomben der Clubs und frieren in eben jenem sogenannten Atelier. Und der Erkältungen, die Monate blieben. Ganz selten war damals auch mal Sommer. Da waren der Kommunist und ich in Juliusruh, natürlich waren das Sommer, wie es sie heute nicht mehr gibt, mit Hitze und feuchter Haut, an der der Ostseesand klebte. In denen man nur mit Schlafsack am Strand schlafen konnte, ohne Regen zu fürchten. Nachts den hellen Streifen im Norden sah, wo die Sonne nicht unterging. Dosenbier und Joints.

Heute morgen war mir jedenfalls kalt, ich dachte an Entenbaum voller schlechtem Gewissen und daran, dass die schrecklichen Bilder, die in diesem Kurs entstanden sind, nächste Woche in B. unbedingt entsorgt werden müssen. Dass ich trotzdem die einzige von damals bin, die es an eine Kunsthochschule geschafft hat. Und dass früher ja nicht alles schlecht war (Zitat Kommunist).

Alles fügt sich

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© B. Möhrle

Die WG von links nach rechts: Pepone Zeppelin Trotzki, die Mutter, icke, L. Montez (die echte). Es fehlen die Käter.

Mlle Montez wohnt am Bodensee, in ein Haus im Wald, mit einem Gemüsegarten, einem Fischteich, einer Quelle und einem Restchen von Seeblick, und manchmal in Kreuzberg, aber nur noch ganz selten. Geld verdient sie zu hause. Im Schlaf. Naja fast. Mit Sachen hübsch machen.

Die Luft ist still, als atmete man kaum

Gerade grandios an lyrischer Naturbetrachtung gescheitert, drum:

Nach dem dritten Mal: stupsen, boxen, rempeln, geb‘ ich dann nach, les‘ noch kurz das Internet, um dann in Zeitlupe (findet der Hund) in die notwendige Bekleidung zu schlüpfen. Los. Ach einfältige Lebensfreude. Der strahlt aus allen Knopflöchern, auch nachdem ich sein versabbertes Stöckchen zum 800. Mal geworfen habe. Spätestens da grinse ich, dämlich wie der übermütige Hund.

Und wir umrunden unsere Ländereien, so ab der Blutbuche in Begleitung eines brüllenden Katers, der versucht den Hund zu fangen. Am Weiher ist nicht mehr viel los, aber auf der großen Wiese blühen die Herbstzeitlose und es ist Frieden. Nur wir drei. Und die Spinnen, die ihre Netze extra so bauen, dass das Morgenlicht so Margot Bickelmässig die Tautropfen beleuchten kann.

Heute morgen unten die echte Frau Montez getroffen und den Berg gemeinsam erklommen. Zum Frühstück bekommt sie eine alte Brezel und sie keucht sehr, hab schon den Tierarzt angerufen. Da wird mir Angst und Bang, 20 Jahre seit sie hier Asyl bekommen hat. Hoffentlich keucht sie noch lange, die dicke Kuh.

Zuhaus wartet der Lord. Er sieht aus wie ein alter Putzlappen, ist aber sehr vornehm. Und hat Hunger.

Ich brauch’ nicht viel zum Glück.

Marianne

Neulich war ich bei meinem Freund R., der früher mal mein Vertrauenslehrer war, zu Vin, Fromage und Seeblick eingeladen. Der R. liebt Männer und erzählt immer ausführlich über seine Abenteuer.

Dabei speisten wir köstlich, estimierten den blutigen Sonnenuntergang über unserem Lieblingsgewässer und tranken erst Kir, dann Rotwein. Während wir in Anblick und Gespräch vertieft waren, schlug der R. ganz unvermittelt vor, noch schnell den G. zu besuchen, ein ehemaliger Kollege, ebenfalls homosexuell und Ex-Kunsterzieher, jetzt freischaffender Künstler. Der mich immer so nett fand. Ach? Wohnt gleich um die Ecke.

Und zwar großartig. Nur durch eine abends bescheiden befahrene Straße vom Ufer getrennt in einem ehemaligen komplett erhaltenen Gasthof aus dem vorletzten Jahrhundert. Mit Täfelung an der Wand und hölzerner Eckbank um den Schankraum, auf der er seine Bücher stapelt. Ein lässig hingegossener Flügel. Ein Erker, in dem die Damen früher den Tee nahmen. In dem nun wir den Tee nahmen, denn der R. und ich hatten schon ein bisschen einen sitzen und der K. trinkt nicht. Als er dann rausrückte mit der Sprache. Ich kennte mich doch aus. Er habe da diesen Werefkin geerbt, von Frau von R., die ihn in ihrem feuchten Gästezimmer im Souterrain (zu) hängen hatte. Und nun sei der ziemlich desolat.

Immer bekommen alle anderen Kunst geschenkt. Also ich bekomme ja auch manchmal Kunst geschenkt, aber nie einen Werefkin (der nicht nur hübsch anzusehen ist, von dem man auch sicher eine ausführliche Reise finanzieren könnte).

Meine Ex-Chefin, die ihre Eigentumswohnung mit dem kleinen Schlemmer bezahlt hat, den ihr die Nachkommen wegen monetärer Klammheit überließen. Der H. den Hölzel. Einfach so. Die A. hat die Bude voller Leipziger Schule.

Den G. hab ich an die K. verwiesen, meine letzte Restauratorenfreundin. Keine große Sache, soweit ich das noch beurteilen kann. Die reist an aus München und nimmt das Bild gleich mit. Verbunden mit einem Besuch bei mir, wir haben also alle was davon.

Nun hoffe ich, dass meine Freunde sich ranhalten mit dem berühmt werden. Hopp Hopp! Werefkinniveau ist ausreichend!

Und ich sollte nun wirklich mal was arbeiten. Wirklich.

NIMBY

Der PV-Mann, PV, so nennt die Kenntnisreiche den Sonnenstrom, sieht gut aus. Ich hab mir gleich sagen lassen, dass er irre und bindungsgestört ist, also passt alles prima.

Die Windräder kommen nun doch nicht hinters Haus. Sondern sozusagen beim Bubi vor’s Haus. Ich bin ja gegen Atomkraft, praktisch seit ich auf der Welt bin, aber da wurde mir doch recht mulmig. 360 Meter hoch, das ist ungefähr unser Fernsehturm, den man bekanntlich von den fernsten Rieselfeldern sehen kann (daher der Name). Mit dem Sehen hatte ich ja aber sowieso kein Problem, ich find‘ die ja schön und auf das bisschen Zerspargelung der Landschaft kommt es ohnehin nicht mehr an, aber mir fiel sofort ein, wie ich mit dem Kommunisten, der der Vorgänger vom F. war (die Dame liebt die Extreme) auf dem Weg per Anhalter von Rügen nach Hause bei diesem Töpfer mit Windrad hinterm Garten gestrandet bin. Der Arme war völlig mit den Nerven runter: Dieser Krach. Und dann gibt es ja noch den Strobo-Effekt.

Jedenfalls bin ich froh, dass ich nun nicht in die Verlegenheit komme, gegen das Aufstellen einens Windrades hinter meinem Haus zu sein. Uff.

Eigentlich wollte ich hier ja lauter altes Texte verlinken, aber erstens klappt es nicht, zweitens war ich doch ein bisschen erschrocken. Offenbar war ich schon damals manchmal sehr zornig. Bin ich gerade gar nicht mehr. Über Allen Gipfeln Ist Ruh.

Statt Yoga

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Muss schon ein wenig Vorabmeditation betreiben, denn heute nachmittag kommen die Handwerkerschlaubergerbesserwissermachos. Wegen der Fotovoltaik. Leider wieder mal ein Gebiet, von dem ich null Ahnung habe. Die können/werden mir wieder sonstwas erzählen, ich werde meine Haselnussaugen aufreissen und mich hinterher schwarzärgern. Grün. Und wenn sie dann weg sind, wird mir meine Schlagfähigkeit (das‘ ja mal ein schöner Verschreiber, den lass‘ ich mal) wieder einfallen.

Spinne am Morgen

Und jetz muss ich mich noch schnell empören, erstens ist das Scheisstelefon schon wieder kaputt, zweitens, und das ist der eigentliche Aufreger waren diese gesamten Biomüllartikel bei SPON und Bild, die hier nicht verlinkt werden.

Verdammt sei dieser polemische Quatsch der in regelmässigen Abstanden durch die Gazetten poltert. BIO IST JA GA NICH GESÜNDER. ACH. Es geht doch aber nicht um uns armselige Menschlein und da hilft auch kein Blabla zum Ende hin, dass man ja BIO auch wegen der Tierhaltung und der Ressourcenschonung kaufen kann. Hauptsache gesund. Jawohl. Und die Bildzeitung legt gleich nach und enttarnt die katastrophalen Zustände auf den Biohöfen. Haben wir es doch immer gewusst. Alles Lug und Trug.

Ich habe es so satt:
Die dämliche Gucci-Blondine, die sich neulich im Bioladen aufgeregt hat, wie teuer die Sachen sind. Die von dem Preis einer ihrer Schuhe vermutlich einen halben Monat im Bioladen einkaufen kann und mich solidarisch angrient. Nein, ich finde nicht, dass es zu teuer ist. Ich habe auch schon mit 600 DM Ausbildungslohn fast nur Bio gekauft.

Meine bescheuerten Nachbarn, die ihren Mais in die Biogasanlage werfen und jammern, dass ihre Bienen sterben.

Umgeben zu sein von Wiesen auf denen keine Blumen blühen.

Von nachbarlichen Schweinställen, in die man ja noch drei reinkriegt. Kühen ohne Hörner. Maismaismais. Oder Raps.

Von reichen Discounterkäufern.

So, jetz geh ich erst mal die Schuhe vom Schuster abholen (kein Zusammenhang).

Tortelli di zucca

Gestern zum ersten Mal selbst gemacht. In Gedenken an den F. Und daran. Jetzt überlege ich angestrengt, ob ich nun auch anfangen soll, mein Essen zu fotografieren. Vorläufige Entscheidung: Nein.

Zumal sie zwar köstlich schmeckten, dennoch sicher keinen Schönheitswettbewerb hätten gewinnen können.

Aber sie waren aus eigenem Kürbis. Jetzt habe ich glücklicherweise nur noch vier.

Ich muss leider zwanghaft alles selbstangebaute Gemüse verarbeiten, da ich mich sonst schäme. Ärgere. Gerade bedrückt mich noch die Rote Beete-Schwemme. Ich denke, diese Woche wird es noch einen Tafelspitz mit Rote Beete Salat geben. Und EIGENEM Meerrettich. Der ist leider so scharf, dass während der Verarbeitung die ganze Küche kontaminiert ist. Zwiebeln sind für Whimps.

Da fällt mir schon wieder der F. ein. Und dieses Wochenende am Arlberg mit seiner schwerreichen russischen Exkommilitonin (und ihrem schönen Mann), die mich den Apfelkren gelehrt hat. Die den ganzen Abend eine One-Womanshow abgezogen hat, die selbst mir jede Lust nahm, dazwischen zu grätschen. Eigentlich wollte sie ja Pianistin werden. Es hat nicht gereicht, trotz allen Übens. Dafür verdient sie jetzt 500.000 Euro im Jahr. Usw.usf. Naja, ist ja auch was. Aber kochen konnte sie.

Bollito misto, fand er, nicht Tafelspitz, und natürlich nicht mit Rote Beete, sondern mit Salsa verde und Mostarda, so wie es seine Mutter macht. Das hat er zu seiner russischen Freundin aber nicht gesagt. Nur zu mir. Sind wir etwa noch immer WÜTEND?

Schwafeln und Faseln

Das Gute am geschriebenen Wort ist ja, dass es nur ein Minimum an Motorik bedarf, um ihm zu entkommen. Zuschlagen, umblättern, wegklicken oder einfach nur die Augen schliessen.
Falls es Ihnen, falls es Sie überhaupt gibt, hier also zu viel werden sollte, siehe oben. Viel weniger Aufwand als Ohren zuhalten und/oder wegrennen.

Ich jedenfalls entwickle gerade ein enormes Mitteilungsbedürfnis. Da scheint sich ja doch was aufgestaut zu haben. Die Mitteilungen sind leider ohne Relevanz. Tja.

Nachdem ich also den Cabriomann an der Tankstelle in Berliner Tonart nierdergebrüllt hatte (ganz der Vater), mich im selben Moment geschämt und entschuldigt habe, entschoss ich mich, das Spezialangebot im Rahmen des herannahenden Urlaubs in Anspruch zu nehmen. Die Reise zu innerer Ruhe und Ausgeglichenheit. Am Marontistrand. Und in diesem Zusammenhang meine tiefverwurzelte Abneigung zu Yoga im Allgemeinen und zu Yogalehrerinnen, die ihre profanen deutschen Nachnamen wie Schulze, Schmidt oder Müller mit klangvollen indischen Vornamen wie Indira oder Talulla oder so aufmotzen (oder ist das Sanskrit?) im Besonderen zu überwinden. Es zumindest zu versuchen. Ich habe zwar Vorurteile, aber ich bin ja nicht unbelehrbar. Sie werden informiert werden.

Danach (also ab Oktober) werde ich also mit heiterer Gelassenheit reagieren, wenn die blöde Kuh im Secondhandshop keines meiner hochwertigen Kleidungsstücke für den Weiterverkauf an das saturierte Bodenseeklientel für geeignet hält (nehm‘ ich sie halt mit nach Berlin, da sind die Menschen sogar über einen Teller Wassersuppe froh).

Wenn der Mann im Stromladen mir erklärt, dass an der teuren Waage zwar nur ein winziger Nupsi abgebrochen ist, dass sich aber auf keinen Fall eine Reparatur lohnt.

Wenn der Schuster, der tatsächlich sehr nett ist, die letzten Ausläufer jugendlicher Zerstörungswut eines dreifarbigen vierbeinigen Mitglied dieses Haushaltes total unzureichend restauriert. Meine schönen sündenteuren handgenähten Kalbslederstiefel. Verdammter Köter.

Wie Sie sehen, das war heut nicht mein Tag.

Koffer in Berlin

Fehlt mir die Stadt? Das Theater, die Bars, die Freunde? Das Nachtleben gar?

Ab 1993 habe ich in Ostberlin gewohnt. Erst Münzstrasse, im schönsten aller Häuser, Zwischenmiete bei Thomas, Dusche in der Küche, immerhin, ein geteiltes Zimmer mit I.. Dafür konnte man über die Dächer in die Clubs. Der Toaster war gleich neben an.

Stubbenkammerstrasse. Ex-Junkie-Wohnung, Hauptmieter aber war Falko H., der berühmte Autor. Wir haben erst mal fünf Müllsäcke mit Arghs rausgeschafft. Falko wusste vom Zustand seiner Butze nichts, fands dann aber nicht so schlimm. Parterre Hinterhof, keine Dusche. Zum Waschen ins Thälmannbad. Kohleofen. Dunkel. Kalt. Oberdrüber Gudrun mit dem tollen Nachnamen, die Künstlerin mit der Wohnung voller in Formalin eingelegten Kreaturen. Boah.

Wichertstrasse. Beheizbare Küche (Kochmaschine)! Badezimmer, ohne Heizung. Kohleöfen. Vierter Sock. Immer mit I.

Wieder Stubbenkammerstrasse. Diesmal mit Zentralheizung. Zwei Balkone, Dielenboden und Stuck. I. wohnt dort immer noch.

Ich dann Ackerstrasse. Dann Schwedter. Dann mit dem F. in der Schwedter. Parkett. Fussbodenheizung. Aufzug.

Der große Knall: Ich bin nach Kreuzberg gezogen. Viel Zeit habe ich dort noch nicht verbracht, bin ja meist hier am Bodensee. Aber ich mag diesen Kiez. Ich mag die Wohnung. Ich mag das Gefühl, in einer fremden Stadt zu sein, in der ich mich verlaufe. Strassennamen zum ersten Mal zu hören. Selten zufällig jemandem bekannten zu begegnen. Mit den Schultern zu zucken, wenn die Taxifahrer mich nach dem richtigen Weg fragen. Ich finde die Leute dort ALLE hinreißend.

Nächste Woche fahre ich nach B. Werde jeden Morgen im
Barcomie’s frühstücken. Mittags Salat aus grüner Papaya essen.
Dumplings. Den Hockney anschauen in der Neuen Nationalgalerie. Durch die Auguststrasse schlendern. Mir von Julia die Füsse machen lassen. In Bars rumhängen. Zigaretten rauchen. Einmal Wiener Schnitzel im
Austria essen. In der Markthalle köstliche Sachen einkaufen. Vielleicht mal ins Theater? Ein Paar Schuhe? Ein paar Schuhe?

Ne, fehlen tut sie mir nicht. ABER ICH FREU MICH!
Und vorher noch auf die d13!