Nach Hause

Sie sehen aus wie zwei alternde Filmstars, wie sie da an der Gepäckausgabe stehen. Und, fragt sie, ein bisschen peinlich berührt, das sind deine Grosseltern? Levin trägt einen beigefarbenen Alcantara-Anzug, ein pfirsichfarbenes Hemd, sehr weit aufgeknöpft, Brusthaar blitzt und ein goldenes Kreuz auf der braungenbrannten Haut. Der Kragen ist mehr als ausladend und liegt über dem des Jacketts. Wenn das meine Mutter wüsste. Seit sie den Winter in Spanien verbringen gedeiht ein millimeterbreites schwarzes Menjoubärtchen über seiner Oberlippe. Margot ist wie immer aus dem Ei gepellt, das Kostüm mohnrot, das Haar blond onduliert, statt Augenbrauen zwei schmalgezeichnete Linien die den hellblauen Lidschatten einfassen. Ich kann gar nicht aufhören in mich hineinzulachen, jetzt, wo sie neben mir stehen, und ich das Gefühl habe ich sehe sie das erste Mal mit Distanz, nicht Opa und Margot, sondern zwei schillernde Gestalten, mit etlichen Gepäckstückchen und Sunny, dem Yorkshireterrier, der heute das Pony mit einer Kirschspange zusammengefasst trägt. Er bellt uns an. Wir küssen uns. Ich stelle vor. Die riesigen Sonnenbrillen werden abgenommen, die Reise war unbeschwerlich also. Der Luftraum ruhig, das Essen lala, und ich summe across 110th street, als wir das Gelumpe zum goldenen Commodore schleppen. Margot trägt ihr Beautycase selbst. Lale ist schweigsam. Natürlich darf ich nicht mehr fahren, das Baby, und so ruckeln wir den weiten Weg nach hause, denn Levin hat den grauen Star und sieht nicht so recht. Sie sind sehr aufgeregt, die Blumen, ja, die Blumen leben noch, ich habe zur Feier des Tages sogar den Gummibaum abgestaubt. Und es ist Frühling, Lale fragt nach dem kanarischen Wetter, sehr trocken, genau. Wie schön wieder zu hause zu sein. Margot hat sich den Bauchspeck absaugen lassen, das ist da viel billiger. 2001.

Gestern auf den Friedhof, zu den Vätern. Die Greisin geht nie mehr mit.

Thiersebrei (Kopf der Woche)

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Eigentlich sollte man Herrn Thierses Gelaber ja mit Missachtung strafen, aber. Boah. Ich kann diesen Scheiss nicht mehr hören. Die Süddeutsche schreibt dazu einen sehr schönen Satz: Diese Pauschalität führte jetzt dazu, dass sich sogar die Badener mit den Schwaben solidarisieren, dem Vernehmen nach das erste Mal in der Geschichte der Menschheit. Also das will wohl was heissen. Und genau, auch ich solidarisiere mich! (Jaja, die Unterschiede zwischen uns Südweststaatsbürgern sind für den Rest der Welt ungefähr so relevant und sichtbar wie der zwischen Köln und Düsseldorf für einen Nigerianer.)

Die Zeit fasst das ebenfalls noch mal schön zusammen, mir kam beim Querlesen noch das hier unter, da sieht man, dass Wehklagen auch ohne grob geschnitzten Sündenbock geht. Denn natürlich ist mancherlei beklagenswert. Im Spiegel wird noch gefleischhauert. SPON halt.

Und dann will ich nie wieder was von diesem Müll hören. Platz 1 auf der einschlägigen Liste. Ginge das?

Gute Geister

Ach, Silvester. Der kleinste hatte was mit dem Magen und hat quer über den Tisch gekotzt. Wir waren noch nicht ganz mit Essen fertig. Er musste dann mit der Mama heim (war eh auch müde) und wir haben Cadavre Exquis gespielt bis elf und Tränen gelacht. Wunschboote raus auf den See (das geht sehr professionell inzwischen, die erste Jahre sind sie immer gleich abgesoffen)

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Karten gelegt (jaaa, gehts vielleicht auch bisschen subtiler?)

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und ab zwölf geballert (ich war recht tapfer) und wahllos wählerisch geküsst.

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Zum Abschluss noch bisschen getrunken (na klar, Schampanjer) und dann heim in die Heia. Ein schnafter Abend. So kann es bleiben.

Theodor Borowski

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Am Ende der Serpentine durch den Wald, kurz vor hier, kommt man bei diversen Wettern durch eine Nebelschwade. Sie taucht ganz unvermittelt auf, ein kompakter Streifen, einmal quer über die Strasse. Und als Kind war ich mir sicher, dass sie mit dieser Schrecklichkeit zu tun hat.

Das Internet spuckt zum Namen Theodor Borowski nur den üblichen 123-Kram und ein paar FB-Jungs aus, auch alle einschlägigen dazukombinierten Begriffe geben gar nichts her. So bleiben nur die mangelnden Kenntnisse der Greisin, die war damals, als jener Pole hier hingerichtet wurde, erst 11 Jahre alt. Nazis gab es hier natürlich keine (Neeeiiiin, unser Ortsgruppenleiter war ein ganz lieber Kerl). Und gesprochen wurde über so etwas sowieso nicht. Schon gar nicht mit kleinen Mädchen.

Er war ein Kriegsgefangener, Zwangsarbeiter bei Bauern in einem Nachbardorf und hat sich dort folgenreich verliebt. Der Frau und Kindsmutter wurden die Haare geschoren und was weiss ich nicht (die Greisin weiss es nicht) und der Theodor Borowski wurde da oben, also ungefähr 200 Meter von meinem Stuhl entfernt an einem Baum gehänkt. Genau da wo die Schwade schwebt.

Viele Jahre später wurde der Gedenkstein aufgestellt. Die Mutter hat alle Jahre da was hingepflanzt, die Rehe fraßen es gründlich wieder ab, nur mit ein paar Schneeglöckchen hat es geklappt, im Frühling blüht ein bisschen was.

In den letzten Jahren war die Tafel zweimal mit weisser Farbe beschmiert und musste gereinigt werden. Im nachhinein tu ich mich bisschen amüsieren, denn danach blieben die Reste in den Vertiefungen der Buchstaben und der Text war besser zu lesen als jemals. Und gestern hat jemand ein Licht dorthin gestellt. Ich habe mir vorgenommen, im Frühling da was rehunverträgliches zu pflanzen. Schliesslich sind wir Nachbarn.

Ich auch mal

Geliehen vom Wortschnittchen. Fand ich immer toll.

Zugenommen oder abgenommen?
Mal so mal so. Jetzt ist die Waage kaputt. Warum?

Haare länger oder kürzer?
Viel länger. Mal sehen, wie lange ich noch durchhalte.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Noch kurzsichtiger. Dass das geht. Geht.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Weniger. Wo auch. Internet etwa?

Der hirnrissigste Plan?
Der Versuch, für drei zutiefst uneinige Kooperationpartner ein gemeinsames unkonventionelles buntes Buch zu machen. Alles daran. Ein Trauma.

Die gefährlichste Unternehmung?
Allein nach Andalusien? Haha. Allein in Neapel? Ne, sag ich nicht.

Der beste Sex?
Das Jahr fing wild an und flaute (in der zweiten Hälfte) deutlich ab.

Die teuerste Anschaffung?
Blödes neues Ifon. Siri, die Kuh. Sie versteht mich einfach nicht.

Das leckerste Essen?
Immer. Fast immer. Oft.

Das beeindruckenste Buch?
Beeindruckt? Hat mich lange kein Buch. Auch schlimm.

Der ergreifendste Film?
Nix da Film (höchstens vielleicht die Sache mit den Schlangen, Spinnen, Raben und Fledermäusen. War das bei 3sat?)

Die beste CD?
Ojeh. So zärtlich Herz an Herz?

Das schönste Konzert?
Dan and the Desperados auf dem Gumpefescht.
Das einzige. Das hätt‘ ich mir auch nie träumen lassen.
Gerade noch eingefallen, das schönste Konzert war NATÜRLICH
Christiane Rösinger in dem kleinen finnischen Club Chez Icke.
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Die meiste Zeit verbracht mit …?
Ojehojeh. Pepone Zeppelin Trotzki. Besorgniserregend. ?

Die schönste Zeit verbracht mit …?
Den Lieblingsnachbarn.
Wunderbarem Besuch aus diversen Großstädten. Diversen Großstädten.
Meinen zauberhaften Freunden.

Vorherrschendes Gefühl 2012?
Ach. Kehrt ja mal Ruhe ein. Oder?

2012 zum ersten Mal getan?
Haggis gegessen. Gebloggt. Einen Korb geflochten. Für Illus Geld bekommen. Jemanden absichtlich beleidigt. Eine Qualle in die Hand genommen. Einen Job richtig verkackt. Aber wie.

2012 nach langer Zeit wieder getan?
Einen Skikurs gemacht (beim Edi). Schwarze Piste gefahren. Was aufgeschrieben. Ein Bild gemalt. Pompös Geburtstag gefeiert. Gekifft. Ein Kleid getragen. Auf der Mainau gewesen. Comics gelesen. Verziehen. Was geschmuggelt. In einem Achtbettzimmer übernachtet. Arbeit aufgeschoben.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Eine sechswöchige Anginamittelohrentzündungsgrippe.
Den Versuch, für drei zutiefst uneinige Kooperationpartner ein gemeinsames Buch zu machen. Falsche Druckdatei zu verschicken (war sehr teuer).

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Biobiobiobio. Nein, nicht die Piraten wählen! Beides erfolglos.
Letzteres hat sich von alleine erledigt.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ein elektrisches Buchlesegerät für die Greisin. Mhm. Ich frag aber nochmal.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? ?
Ein rotweissgestreifter Shawl von der K.
Soll mal mehr Farbe rein findet sie. Hat sie recht.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? ?
Es war wahnsinnig schön mit bei Dir.

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe? ?
Das hast Du fein gemacht. Ne. Vielleicht: Mit Dir verreise ich am liebsten.

2012 war mit einem Wort …? ?
Ereignisreich

Fast wie ein Zauberberg #02

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Bogenschiessen nur bei Querschnittslähmung. Aber ich bin ja hier wegen Frau S. der Psychologin. Und Frau K., der Ergotherapeutin, die nach kaltem Rauch riecht. Es ist heiss, ungefähr 30 Grad. Auf der Speisekarte stehen Schweinshaxe mit Sauerkraut. Eisbein mit Erbspüree und Gänsebraten. Essen gibt es schon um fünf, damit man beim Küchenpersonal nur eine Schicht braucht. Auf alberne Details wie schwüles Sommerwetter kann man bei der langfristig geplanten Nahrungslieferung aus NRW keinerlei Rücksicht nehmen. Sollen die halt nix essen, wenn es ihnen nicht gefällt. Mein Freund, der Tumor, reist zurück nach hause, wird abgeholt von seinem beiden kleinen Söhnen, Piepels nennt er die (wieder ein weisst du noch?), wir herzen uns und lachen und ich höre ihn scherzen, bis sich die die Glastür schleifend schliesst. Er winkt noch mal zum allerletzten Abschied, mit rechts, na klar.

An meinem Tisch sitzt jetzt Schlaganfall Eberhardt. Immer bin ich besorgt, ob der alte Herr genügend trinkt. Das tut er nicht, natürlich nicht, denn der Wasserspender steht in der Mitte des grossen Saals, es gibt keine Kannen, man kann immer nur ein Gläschen holen, der Weg ist weit, und das mit dem Laufen klappt noch nicht so gut. Das mit dem Sprechen auch nicht, aber mit der Zeit verstehe ich ihn besser. Er war ein Tischler, dann arbeitslos, kommt hier aus dem Ort und ich kann ihn gut leiden. Bis zum Kormoranabend. Jaja, die Kormorane, sage ich, das kenne ich von zuhause, die sind ja unersättlich. Wie die Ausländer nuschelt der Eberhardt, sollte man alle abschiessen. Ich denke kurz, ich habe mich verhört. Habe ich nicht. Was soll ich hier streiten, mit einem störrischen alten Mann. Der kommt aus einem Städtchen mit EINEM Dönerladen. Sonst weit und breit nix Fremdes.

Auch meine anderen Bekanntschaften erinnern mich daran, wie gerne ich alleine bin. Da gibt es die zwei feschen Bikinimädchen, die vor lauter Baucheinziehen nicht grüßen können. Den Systemadministator der seine MS-Spritze immer nur freitags bekommt, damit die auf Arbeit bloss nichts mitbekommen. Die herzensgute S., Herzinfarkt und Schlaganfall, knapp 40, böses Erbe, deren Sohn bei der Marine ist, so eine flotte Uniform, der Junge.

Ich geh nur ein einziges Mal zur grossen Badestelle, da muss schnell was anderes her. Es gibt hier mengenweise Bootsgaragen, jeden winzigen Weg vom Ufer probiere ich, meist kommt ein Zaun. Ein Tor. Ein Schloss. Nach langem Suchen finde ich eine, schön grün mit kleinem Steg, hinter dem Wald, im Schilf. Irgendetwas aufgeregtes Schwalbenhaftes saust um meinen Kopf, während ich mich dort versteckt (immer in Alarmbereitschaft) durch meinen Krimi fräse. Bei unverstelltem Seeblick. Einmal werde ich doch erwischt. Na klar darf ich hier bleiben sagt der Besitzer, und dann saust der, mit Riesenkrach davon. In seinem Motorboot. Die Schwalben brauchen Stunden, um sich davon zu erholen, ich auch.

Die anderen Folgen gibt es hier.